Südamerika Teil 9

Samstag, 13. November 2004 (188 km/21.273 km) (2.670 m H.)
(NL91: S 00°23,829 W 78°34,190)

Um 5.30 Uhr werden wir gnadenlos aus dem Schlaf gerissen. Wie blöd hämmert jemand auf dem Auto herum, und dass obwohl ich gleich antworte. Ich werde wütend und schrei die junge Frau an. Wir stehen allerdings auf ihrem Platz, an dem sie Ihren Marktstand jeden Samstag aufbauen. Ich mach schnell ein Foto, dann verziehen wir uns auf einen bewachten Parkplatz. Mit unseren Kameras bewaffnet machen wir uns auf Indiojagd. Vor 10 Jahren war es hier schwerer Menschen zu fotografieren. Die Zeit verändert eben alles. Taxi-in-Otavalo Wir streifen 3 Mal durch den Markt, der sich immer mehr mit Menschen und Ständen füllt. 2 Mädels helfe ich ihren Stand aufzubauen. Die Menschen sind hier nicht gerade Riesen. Gabi kauft einen Ring, dann erwerben wir einen Wandteppich mit Indios, dem Vulkan Cayambe, der Sonne und einem Kondor. Nun sind wir völlig abgebrannt und es ist Samstag. Zuerst fahren wir zur Tankstelle auf Toilette. Dann zur Bank International, die tatsächlich geöffnet hat. Wir stehen eine halbe Stunde in der Schlange und nichts tut sich. Dann bekommen wir mit, der Computer wäre abgestürzt. Eine Weile später erfahren wir, dass draußen ein Geldautomat ist. Dieser rückt aber auch kein Geld raus. Man schickt uns zur Bank Pinchicha, dort bekommen wir das erste Mal mit Gabis Visakarte Geld. Wir heben gleich 2 Mal den Höchstbetrag ab, da man hier US$ ausgezahlt bekommt. Wir fahren zum Parkplatz zurück und gehen zur Post. Es ist unser Glückstag, denn auch diese hat geöffnet. Allerdings kostet auch hier eine Karte nach good old Germany 1,05 US$. So schicken wir auch nicht alle. Der Markt hat sich mit Touristen und Bettlern gefüllt. Wir essen an einem Stand bei einer Frau, bei der ich vor 10 Jahren auch gegessen habe. Damals, wie heute mache ich ein Foto von ihr. Nun können wir zu Hause die Bilder mal vergleichen. Ein Kind hält mir seinen Teller hin, auf dem eine Hand voll Reis ist. Ich gebe ihm ein Reisküchlein. Kurze Zeit später hält mir eine alte Frau ihre Schüssel hin. Ihr gebe ich meinen halbabgenagten Hähnchenfuß. 3 weiteren bettelnden Alten gebe ich 50 Cent. Die Dritte davon ist so unverschämt, dass sie mich 2 weitere Male anbettelt. Das war es für heute, jetzt bekommt keiner mehr was. Ein Mann spricht mich in der Menge an, den ich erst nicht zuordnen kann. Es ist der Mann vom Touristenoffice am Mitad del Mundo, der uns gestern so gute Infos geliefert hat. So klein ist die Welt meint er. Wir fahren nach Norden und biegen nach wenigen km zur Cuicocha-Lagune ab. In Cotacachi kauft Gabi eine 3 l Flasche Coca-Cola. Die kann man kaum mehr heben und passt schon gar nicht in unsere Kühltasche. Einige km außerhalb des Ortes steht eine alte Frau am Straßenrand und läuft uns fast ins Auto. Ein Stück weiter sitzen 3 Kinder an der Straße. Einer schmeißt einen Stein nach uns. Ich bin heute eh geladen, hau den Rückwärtsgang rein und gebe Gas. Da rennen sie, die Hasenfüße. Das war hoffentlich eine Lehre für die Knirpse. An der Lagune angekommen, stoppen wir auf einem Parkplatz, schnappen uns die Kameras und die Ananas vom Markt und kraxeln den Hang hoch. Über der ganzen Lagune hängt eine geschlossene Wolkendecke. Wir erreichen den höchsten Punkt des Kraterrandes und dann klart der Himmel auf. Die Lagune wird tief blau, der Gletscher strahlt im Sonnenschein und vom Restaurant am See dringt Panflötenspiel herauf (El Condor pasa). Wir genießen den Augenblick und gehen erst, als sich Wolken vor die Sonne schieben. Auf der Rückfahrt lauert Gefahr. Die runzelige, alte Frau hat ein Seil über die Straße gespannt! Ich glaub es nicht. Wir stoppen, um sie nicht zu verletzten, dann stürmt sie auf unser Auto zu und hält die Hände auf. Das ist ja noch ein Deut härter als in Kolumbien. Da standen irgendwelche Leute mit Hacke oder Schaufel auf der Straße, an zu gefüllten Schlaglöchern. Kam ein Auto um die Kurve, kratzten sie schnell ein bisschen herum, um dann den passierenden Autofahrern den Hut hinzuhalten, für ihre "getane Arbeit". Unglaublich, was sich so manche Geister einfallen lassen, um an Geld zu kommen. In Cayambe stoppt uns die Polizei, lässt uns aber sichtlich beeindruckt über die vielen Stempel in unseren Pässen weiterfahren. Wir erreichen Quito ein zweites Mal und kämpfen uns diesmal nach Süden durch. Die Fahrerei im Dunkeln hier auf dem Panamericana ist sogar mir zu viel. Jeder Blödmann fährt mit Aufblendlicht, kreuz und quer wird überholt und gehupt was das Zeug hält. Zu viel für diesen langen Tag. Wir stoppen an einem Restaurant, essen zu Abend, schreiben am Laptop und schlafen gleich davor.

Sonntag, 14. November 2004 (154 km/21.427 km/88 km/4.538 km) (2.999 m H.)
(NL92: S 00°30,836 W 78°34,190)

Um 7 Uhr öffnet das Restaurant. Ich stürme gleich mal in die Toilette. Dann bekommen wir ein Frühstück vorgesetzt, das wir gar nicht aufessen können. Wir machen den Bericht 8 fertig zum versenden, nehmen unsere allsonntagliche Lariamtablette und kümmern uns mal ums Auto. Zuerst kontrolliere ich das Differenzialgetriebeöl vorne und hinten, Motoröl und Bremsflüssigkeit. Überall fehlt ein bisschen. Zu meiner Verwunderung sehe ich, dass uns der Keilriemen von der Klimaanlage fehlt, also nichts Lebensnotwendiges. Gabi schaut in den Spiegel und meint: "Ist meine Nase spitzer geworden?" Nein, aber ihre Spitzfindigkeiten! Um 10.30 Uhr fahren wir in den Cotopaxi-NP. Auch hier gibt es einen Wegelagerer. Ein alter Mann mit 2 Krücken steht gebeugt mitten in der Straße. Kommt ein Auto vorbei, geht er ohne Krücken mit einem Hut auf das Auto zu und bettelt. 2 km weiter treffen wir 3 andere Geländewagen vor versperrter Straße. Man hatte uns ja erzählt, dass der Park geschlossen ist. Also haben wir auch hier Pech wie in Guatavita. Wir fahren zurück Gabi will noch nicht aufgeben. Ein kleiner Toyota-Geländewagen neueren Typs, mit einem jungen ecuadorianischen Paar hat sich auch erkundigt und kennt nun einen anderen Weg in den Park. Wir können ihnen folgen. Also let΄s meet again Cotopaxi. Die Dame sitzt am Steuer und schürt los wie der Teufel. Da wir wegen der Sandbleche nicht schneller als 80 km/h fahren, können wir kaum folgen. Die beiden sind aber so nett und warten an der Einfahrt auf uns. Im Ort Machachi fragen sie mehrmals nach dem Weg, dann beginnen 8 km Kopfsteinpflaster. Ein dritter Geländewagen schließt sich uns an und übernimmt die Führung. Der fährt genauso schnell wie das Flintenweib am Steuer des Toyotas. Wir erreichen in 3.800 m eine Hochebene mit sanften Hügeln, steilen Kegeln, Flüsschen, Inkaruinen und wilden Pferden umringt von den mächtigen Bergriesen der Anden. Über allem thront der 5.897 m hohe Cotopaxi, der höchste tätige Vulkan der Erde. Die Landschaft ist zu schön um einfach durchzurasen. Wegen unumgänglichen Fotostopps verlieren wir immer wieder den Anschluss. Unsere Toyota-Freunde warten jedoch an allen fraglichen Wegpunkten. An der Auffahrt jedoch nicht mehr. Die letzten km sind uns bekannt. Steile Serpentinen führen auf 4.600 m Höhe. Damals vor 10 Jahren war die Strasse wesentlich schlechter und wir hatten eine Straßenlimousine. Unser Toyota schafft ohne Probleme den Weg hinauf. Oben bläst ein eiskalter Wind. Was für ein Kontrast zur Amazonasregion oder den Guyanas. Wir ziehen uns warm an und beginnen etwa 2 Minuten nach 3 Amerikanern den Aufstieg. Am-Cotopaxi Es ist wie damals, mit dem kleinen Unterschied, das wir besser akklimatisiert und 10 Jahre älter sind. Fast 20 Stopps brauchen wir, dann sind wir ein zweites Mal im ewigen Eis am Äquator. Ich will ein Loch hinein pinkeln und uns mit Steinen verewigen. Wir erreichen nach unserem GPS 4.978 m. Den viel jüngeren Amerikanern sind wir förmlich davon gelaufen. Wir treffen unsere Freunde mit dem kleinen Toyota und unterhalten uns kurz. Die Dämmerung bricht herein. Wir müssen zur Panamericana zurück, ein Internetcafe suchen. Unser Besuch beim Patenkind in Peru steht unmittelbar bevor. Erst müssen wir aber den Weg finden und das wird mit zunehmender Dunkelheit schwieriger. Plötzlich kommt ein Auto in Sichtweite. Es scheint unsere Richtung zu fahren, also hängen wir uns dran und kommen näher. Irgendwo waren tiefe Schlammkuhlen, vor denen ich im Dunkeln Respekt habe. Der Chevrolet Pickup vor uns stoppt und fährt dann rückwärts. Er versucht es jeden falls. Er hat sich festgefahren. Wir bergen ihn in einer Minute mit unserer Winde. Dann fahren wir den Leuten hinterher, in der Hoffnung neben ihrem Haus schlafen zu können, verlieren sie jedoch an einer Kreuzung und sind wieder allein. Wir suchen und finden ein Internetcafe, wo man uns gleich noch ein Getränk aufschwatzt und uns zu guter letzt Brötchen und Kaffee hinstellt, da alle Restaurants im Umkreis zu dieser Uhrzeit geschlossen haben. Wir können Toilette benutzen, Laptop laden und im verschlossenen Hof schlafen. Auch das Essen war kostenlos.

Montag, 15. November 2004 (253 km/21.680 km) (2.999 m H.) (NL93: wie NL92)

Wir bekommen ein kleines Frühstück und können am Abend wieder hier übernachten. Ein Freund kommt vorbei, der ein Reisebüro hat und erklärt uns den Weg zur Laguna Chilotoa. Kaum sind wir auf der Panam, hupt uns schon ein Bus an. An der nächsten Ampel steht einer hinter uns und hupt, obwohl die Ampel gerade erst umschaltet und ich schon im Anfahren bin. Die größten Arschlöcher in Südamerika sind die Busfahrer. Gabis Kommentar zum Thema Arschlöcher: "Ich hab heute auch schon geschissen!" Der Verkehr auf der Panam in Ecuador ist wirklich anstrengend. Wir sind froh Latacunga erreicht zu haben, um hier zur Lagune abzubiegen. In Serpentinen windet sich die Straße steil nach oben. Wie schon an vielen anderen Stellen stehen auch hier Kreuze am Weg. Einige km weiter sehen wir ein Indiopaar auf einem Feld hacken, direkt neben dem 5 m tiefen unbefestigten Abhang zur Straße. Ich meine: "Wenn die zu tief reinhacken, könnte der Hang mitsamt den beiden abstürzen." Gabi darauf: "Und dann kommt da ein Kreuz hin." Wir essen an einer Straßenküche in einem kleinen Bergdörfchen. Die Köchin lässt sich unter der Bedingung fotografieren, das Bild auch zu bekommen. Ihre Adresse schreibt sie uns jedoch nicht auf, meint aber, sie wäre täglich hier an Ort und Stelle um zu Kochen. Ihre Vorstellung von der Welt scheint etwas verklärt. An der Lagune empfängt uns leider bewölkter Himmel. Der smaragdgrüne See ist trotzdem märchenhaft. Laguna Quilotoa Wir verbringen viel Zeit hoch oben auf dem Kraterrand. Das Wetter wird jedoch nicht besser. Wir trinken ein Bier in einem Restaurant im Ort, finden ein Plan International Schild und lernen 3 italienische Motorradfahrer kennen, die wie wir auf dem Weg nach Peru sind. Einer bezahlt sogar unser Bier. Auf dem Rückweg spielen wir Taxi für Einheimische und lassen sie dafür auch bezahlen. Jeder muss sich nach der Fahrt von uns fotografieren lassen. Erst fährt eine 19-jährige mit ihrer 7-jährigen Tochter mit, so haben wir sie wenigstens verstanden. Dann eine Frau mit 2 Kindern und einem Riesengepäcksack. Zuletzt eine alte Oma. Danach riecht es im Auto irgendwie nach Lama! Die 50 km im Dunkeln auf der Panam sind eine Katastrophe. Wir haben ja in dieser Hinsicht schon viel erlebt, aber hier fluche ich das Blaue vom Himmel. Alle fahren generell mit Aufblendlicht, ob von vorne oder hinten. Überholt wird rechts und links, manchmal auch zu zweit nebeneinander. Dann gibt es noch die Fahrzeuge ohne Licht, die man erst im letzten Moment sieht. Die Busse überholen alles, um dann direkt anzuhalten um jemanden aussteigen zu lassen. Es ist eine Katastrophe. Wir sind froh Machachi erreicht zu haben. Unsere Freunde Nelly und Alfonso sind noch nicht zu Hause. Wir essen bei einem Chinesen zu Abend, der im Wok auf der Straße kocht. Nach 20 Uhr tauchen unsere Freunde auf und wir können noch mal ins Internet. Leider war noch keine Rückmeldung von Plan International und von Allrad-Keba. Wir schlafen im Hof wie letzte Nacht.

Dienstag, 16. November 2004 (356 km/22.036 km/114 km/4.652 km) (1.685 m H.)
(NL94: S 02°13,753 W 78°15,811)

Früh verabschieden wir uns von Nelly und Alfonso. Dann bekommen wir unser kleines Frühstück wie gestern und fahren los. Da fällt uns ein, das wir wegen des Bildes bei Eran vom Reisebüro fragen könnten, also fahren wir den Abzweig rein zu seiner Hazienda. Es ist im Moment nur seine Freundin zu Hause und die weis nicht Bescheid. Sie zeigt mir das beeindruckende Anwesen, in dem es sich lohnt mal für einige Tage abzusteigen. Nähere Infos unter www.hosteria-papagayo.com . Dann tauchen Eran und sein Freund Joe auf. Sie können uns wertvolle Tipps für unsere Weiterreise geben, warnen uns vor den korrupten Polizisten in Peru. Nach einem Capuccino fahren wir weiter. Plan International drängt uns nach Piura, jedenfalls der Termin, den ich gesetzt habe für Freitag. Über Latacunga nach Ambato führt der Weg, dann verlassen wir die Panam für ein paar Tage. Vor Banos essen wir zum x-ten Mal Hähnchen, man bekommt oft nichts anderes. Dann geht's mit gemischten Gefühlen hinab ins Amazonastiefland von Ecuador. Auch hier waren wir schon mal und wissen, dass es hier sehr heiß ist. 200 m ü. NN schwebt mir im Kopf herum. Der seit langer Zeit tätige Vulkan Sangay ist unser Ziel. Hoffentlich gelingt es uns ihn diesmal zu fotografieren. Ab Puyo, das zu unserm Glück auf 1.000 m Höhe liegt, beginnt ein Alptraum von Straße. Brotlaibgroße Kieselsteine liegen hier als Fahrbelag herum. Wir holpern mit 20 bis 30 km/h darüber. Im Dunkeln ist es auch nicht besser, jedoch ist mir diese Straße lieber als die Panam, die parallel 50 km westlich verläuft. Im Dunkeln erreichen wir 2 große schmale Hängebrücken. Man könnte meinen, da passt gar kein Auto drüber. Es fahren hier aber sogar LKW und Busse. Vor allem die zweite Brücke ist mächtig am Schwanken. Danach beginnt erfreulicherweise die neueste Teerstraße Ecuadors und führt uns direkt nach Macas. Dort essen wir chinesisch. Obwohl Gabi erst gar nichts essen wollte, bestellt sie jetzt Suppe und Hauptgericht. Die Suppenschüssel ist riesig und mit einem Haufen Fleisch und Gemüse obendrauf, das Hauptgericht ebenso. Wir können mal wie oft zuvor nicht aufessen. Draußen regnet es mittlerweile sintflutartig. Wir fragen in einem Hotel nach dem Vulkan und fahren dann gegen 22 Uhr in den Nationalpark. Wie überall in Südamerika lässt auch hier die Beschilderung zu wünschen übrig. Deshalb landen wir wie auch schon an der Laguna de Guatavita in einem Gehöft am Berg. Beim Umdrehen fahren wir uns fest, können uns mit Allrad jedoch befreien. Die Menschen haben wir garantiert aufgeweckt, also nichts wie weg. Der Himmel klart stellenweise auf. Der Feuer speiende Berg ist jedoch nicht zu sehen. Wir fahren auf der ausgewaschenen Erdstraße in Serpentinen den bergauf. Immer wieder schalten wir alle Lichter aus, um eventuell einen Lichtschein am Horizont erkennen zu können. Soll unsere zweite Suche nach dem Sangay ebenso vergeblich sein wie die erste, damals im Januar 1994? Gegen Mitternacht erreichen wir ein kleines schlafendes Dorf. Einen km außerhalb schlagen wir unser Nachtlager auf.

Mittwoch, 17. November 2004 (87 km/22.123 km/78 km/4.730 km) (1.076 m H.)
(NL95: S 02°17,289 W 78°07,156)

Im Sangay Nationalpark Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker. Wir machen uns sofort auf die erneute Suche nach dem verwunschenen Berg. Es geht weiter bergauf. Steine, Schlamm, Flussfurten, alles was das Offroaderherz begehrt. Eine Tunnelbaustelle ist Endstation. In 2 Jahren soll die Teerstraße zwischen Macas und Riobamba fertig sein. Dann hat die Welt wieder eine unberührte Wildnis verloren. Der Sangay bleibt auch diesen Tag für uns unsichtbar. Jedoch entdecken wir am Wegesrand Orchideen, andere Blumen, Bromelien, Schmetterlinge, Käfer, Spinnen, usw.. Wir verbringen den ganzen Vormittag mit fotografieren. Dann fahren wir zurück nach Macas. Es war ein schöner Tag in der Wildnis, mit unbefriedigendem Ausgang für uns. Der Sangay, unsere eigentliches Ziel bleibt unsichtbar. Wir gehen ins Internetcafe. Wichtige Mails von Allrad-Keba und Plan International haben uns erreicht. Unser Besuch beim Patenkind in Piura/Peru ist auf Montag, den 22.11. angesetzt. Danach spricht uns eine Deutsche auf der Straße an, die hier in diesem Nest für die GTZ arbeitet. Sie empfiehlt uns die Pizzeria La Italia, dessen Besitzer deutsch spricht. Wenn möglich kommt sie später auch vorbei. Es kommt aber nicht zu diesem Treffen. Wir essen eine teure, aber gute Pizza und fahren zum Schlafen auf d en Berg außerhalb der Stadt. Donnerstag, 18. November 2004 (288 km/22.411 km/142 km/4.872 km) (2.996 m H.)
(NL96: S 03°08,378 W 79°01,343)

Unser Wecker klingelt um 5.30 Uhr. Reisestress, der Berg ruft, oder auch nicht. Es ist total bewölkt. Jemand versucht eine Autotür zu öffnen. Ich lass mal einen Schrei los und wir haben Ruhe. Gegen 7.30 Uhr sehen wir für wenige Minuten die Unterkante der Schneegrenze. Das war es mit der Suche nach dem Sangay, Teil 2. Leicht enttäuscht fahren wir nach Sucua, dort besteht die Chance, wenn es aufklart ihn ebenfalls zu sehen. Auch hier bleibt er uns verborgen, dafür bestellen wir zum ersten Mal ecuadorianisches Frühstück. Fischsuppe mit Unmengen Zitronensaft und Bananenchips, Mahlzeit. Wir erfahren, dass die Straße nach Cuenca ungeteert ist und man 8 Stunden für die 200 km braucht. Zum Glück empfängt uns Plan International erst am 22.11.2004. Das wäre nicht zu schaffen bis morgen. Wir holpern los. Bei jedem Meter dreht sich die Fischsuppe 2 Mal im Magen um, aber sie bleibt unten. Vor Mendez taucht unerwartet Teer auf, allerdings nur für einige km. Wir sind momentan auf 500 m Höhe. Dann geht es zurück in die Anden. In abenteuerlichen ungeteerten Serpentinen fahren wir eine grandiose Schlucht hoch. Wasserfälle in Massen, einer schöner als der andere, zwingen uns zu Fotostopps. Gabi hat die Idee, sich in einem zu waschen. Gesagt getan, wir finden ein Musterbeispiel von Paradieswasserfall Gabi unterm Wasserfall und können uns ungestört waschen. Eine Hotelübernachtung gespart. Weiter geht's bergauf. Eine Obstplantage erregt Gabis Aufmerksamkeit. Das sind die kleinen Bäumchen, die sie schon lange interessieren. Mit geschulten Augen begutachtet sie die Pflanzen und kommt zurück und sagt: "Das ist so eine Art…(kurzes Schweigen)…ich hab auch keine Ahnung was das ist." Wir wollen Cuenca erreichen und irgendwo an einem Restaurant essen und schlafen, wie schon 2 Mal zuvor. Unser Toyota fängt zu hüpfen an und geht mehrmals aus. Die Suche nach einem Restaurant wird zur Nervensache. Entweder sie haben keinen Parkplatz, oder wir finden keines. Zum Glück ist hier der Verkehr nicht so wie um Quito. Die Not zwingt uns an einer Straßenküche zu halten. 2 Omis sitzen hier neben ihrer Feuerstelle, auf denen 2 riesige verkohlte Woks brodeln. Mutig bestellt Gabi 2 Portionen essen. Ich versuche ein Bierchen dazu zu bekommen. Dann beginnt der "Festschmaus". Das Fleisch ist fast nur Fett und so zäh, das man es nicht kauen kann. Mann muss die Stücke ganz schlucken oder liegen lassen. Dazu gibt es warmen gekochten Mais, gerösteten Mais und kalten gekochten Mais. Der Tisch ist völlig versifft, Löffel oder vielleicht sogar ein Messer, Fehlanzeige. Zu allem Überfluss hat mir die alte Dame noch ein Nährbier angedreht. Ich esse meinen Teller aus Prinzip leer, selbst die Käfer in China habe ich komplett verzehrt, aber diesen "Schweinefraß" krieg nicht mal ich runter. Und dabei hatte sie schon alle Fleischbrocken mit den Händen angefasst (Mahlzeit) ob sie noch essbar sind. 4,75 US$ kostet uns dieser Spaß, das war die Krönung dieses sehr wechselhaften Tages. Wir hüpfen mit unserem Toyota raus aus der Stadt und rückwärts in eine Einfahrt. Schräg am Hang stehend, uns bleibt keine andere Wahl, versuchen wir zu schlafen. Morgen muss der Dieselfilter gewechselt werden.

Freitag, 19. November 2004 (250 km/22.661 km/3 km/4.875 km) (2.390 m H.)
(NL97: S 03°51,149 W 79°26,035)

Um 7.30 Uhr machen wir uns bei eisiger Kälte an die Arbeit. Filter ausbauen, reinigen und einbauen. Der Toyota läuft wieder mit voller Kraft. Nach etwa 60 km sind 3 kleine Restaurants an der Straße. Im mittleren Frühstücken wir. Nach weiteren 20 km verliert der Motor erneut an Leistung und geht an einer Steigung aus. Ich öffne den Wasserabscheider und staune nicht schlecht, als dickflüssiger, brauner Schlamm raus tropft. Kein Wunder, dass das Auto nicht mehr fahren will. Nachdem der Motor abgekühlt ist, baue ich den kleinen Filter noch mal aus und blase ihn mehrmals durch. Kohlrabenschwarz ist die Brühe, die da raus kommt. Jetzt läuft er wie eine Eins. In Loja tanken wir alles bis an den Rand voll, machen Kopien von unseren Pässen und gehen chinesisch Essen. Wir sortieren und beschriften unsere digitalen Bilder dort. Das Auto haben wir an der Tankstelle geparkt. Gegen 20 Uhr fahren wir raus aus der Stadt, wollen das Kloster El Cisne noch erreichen. An einer Mautstelle zeichnet uns ein Mann den Weg auf. Im dichten Nebel fahren wir im Schritttempo die Serpentinen hoch. Am Kloster ist seltsamer weise klarster Sternenhimmel. Wir fahren in den kleinen Ort und machen ein paar Fotos an der prächtigen beleuchteten Kirche. Wir schlafen außerhalb, mit Blick auf El Cisne. Ich versuche noch Tagebuch zu schreiben, obwohl ich dabei mehrmals einschlafe. Hier das äußerst beeindruckende Ergebnis davon: "Nach 80 km stottert der Motor schon wieder. Lass den hinteren Filter ab und blase den kleinen Filter. … (Schnarch!)…Danach fahren wir nach Loja rein. Tanken mit Karte alle unsere Tanks und Kanister. …(Schnarch!)… Suchen ein Internetcafe mit Forifioie ( Fotokopie). …(Schnarch!)… Das Auto bleibt so lange an der Tankstelle, bis wir vom Chinesen und Internet zurück sind. Dann fahren wir raus aus de Stadt. An der Mautstele fragen wir nach dem, nach Riobamda (Riobamba). …(Schnarch!)… In völlige Finserniww (Finsternis). …(Schnarch!)… Fahren wir durch eine Wolke. …(Schnarch!)… Ich gerade Mal. … (Schnarch!)… Man sieht." Ich hatte den Laptop nicht mal richtig ausgeschaltet.

Samstag, 20. November 2004 (324 km/22.985 km/3 km/4.878 km) (51 m H.)
(NL98: S 05°11,498 W 80°37,326)

Als ich am Morgen den Schmarren lese, den ich Stunden zuvor in völliger Übermüdung zusammengeschrieben habe, muss ich laut lachen, Gabi ebenfalls. Ihr Kommentar: "Männer sind blöd! Frauen schlafen, wenn sie müde sind!" Wir fahren am frühen Morgen zum Kloster. Nach einem Frühstück mit Steak, Reis und Gemüse führt uns der Weg Richtung peruanische Grenze. Die Straße fällt bis auf 500 m ab und es wird wahnsinnig heiß. Zwei Tankstellen im Grenzort haben kein Diesel, die dritte dann doch. Wir fassen noch mal über 20 l und haben jetzt ca. 350 l mit uns. Laut ADAC soll der Diesel in Peru etwa 1,50 €/l kosten. Die Ausreise aus Ecuador ist völlig problemlos. Wir verlassen das bisher schönste Land auf unserer Reise. Die Einreise nach Peru ist ebenso unkompliziert. Man warnt uns nur vor "mucho Banditos". Die 3 Italiener sind gestern auch hier durchgekommen. Wir beschließen nach Piura zu fahren, Plan International zu suchen und in der Nähe ein Hotelzimmer zu nehmen. Gesagt, getan. In der Dunkelheit erreichen wir die Großstadt und finden auf Anhieb das Gebäude von Plan International. Zwei Hotels sind in der Nähe. Wir entscheiden uns für das bessere, bei gleichem Preis und gehen zum Chinesen um die Ecke. Es ist erstaunlich kühl für diese Region. Wir sind hier in einer Wüste in den Tropen auf 50 m Höhe und frieren. Ich sitze am Laptop bis spät in die Nacht.

Sonntag, 21. November 2004 (180 km/23.165 km/11 km/4.889 km) (51 m H.)
(NL99: wie NL98)

Wir schlafen erst mal aus. Dann frühstücken wir im Hotelgarten. Louis der Hotelbesitzer gibt uns den Tipp, mal zu den Fischerdörfchen Colan und Yacila zu fahren. Dort könnte man gut Fisch essen und auch irgendwelche Meereswürmer, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Also fahren wir los zur 60 km entfernten Küste. Wir müssen einmal nach dem Weg fragen. Auch in Peru lässt die Beschilderung zu wünschen übrig. Wir kommen zuerst nach Yacila. Mit Holzflößen fahren die Fischer auf das Meer. Wir finden ein Restaurant und bestellen das Tagesgericht. Als Vorspeise gibt es Ceviche, das ist roher Fisch, Schrimps und Meereswürmer in Zitrone eingelegt. Ceviche Die Würmer sind unerwartet zäh, das sagt man ja auch von Regenwürmern. Gabi erstaunt mich, indem sie mit sichtlichem Genuss das lange, dünne Meeresgetier verspeist. Ich kann mich mit der vielen Zitrone nicht anfreunden. Im Anschluss spazieren wir durch das Felslabyrinth am Strand. Gabi sammelt Seeigel. Dann fahren wir nach Colan. Eine richtige Dünenlandschaft empfängt uns. Wir wollen den Sonnenuntergang am Strand erleben und fahren richtig rein in die Sandberge. Als ich den Toyota im Weichsand förmlich eingrabe, trifft Gabis Sprichwort wieder zu: "Männer sind blöd." Sehen wir es mal als Zeitvertreib bis Sonnenuntergang an. 15 Minuten Sandschaufeln und der Toyota kommt frei. Nach einem romantischen Sonnenuntergang fahren wir zurück ins Hotel. Wir sind erschöpft und legen uns bei Zeiten schlafen.

Montag, 22. November 2004 (208 km/23.373 km/16 km/4.905 km) (18 m H.)
(NL100: S 06°16,845 W 80°18,585)

Das Treffen mit Maria Sosa, unserem Patenkind steht heute auf dem Programm. Wir checken aus, frühstücken, geben unsere Wäsche zum Waschen und fahren zu Plan, die uns schon erwarten. Zuerst zeigt man uns das Büro, dann tauschen wir Geld und Scheck, kaufen Lebensmittel für die Familie und ein Geschenk für Maria. Unserem Toyota verpassen wir ein paar Plan International Aufkleber. Dann fahren wir mit Herrn Willy Garcia von Plan nach Rio Viejo, dem Wohnort unseres Patenkindes. Zuerst stoppen wir an einer Klinik, dann an einer Schule. Beide werden unterstützt von Plan International. Der Schulleiter, die Lehrerinnen und die Kinder haben extra mit einem Programm auf uns gewartet. Dann geht es zum Haus von Maria. Ich bin schwer beeindruckt. zu Besuch beim Patenkind Da hängt die deutsche neben der peruanischen Flagge und Schilder mit herzlich willkommen Amigo Rudi Kleinhenz. Zwei Silvesterraketen werden zur Begrüßung abgefeuert. Wir betreten das einfache, aber saubere Lehmziegelhaus. Die Schulklasse, einige Lehrer, Mitarbeiter von Plan, Nachbarn und die Familie Sosa sind anwesend. Unser Patenkind Maria Sosa wird uns jedoch erst einige Minuten später vorgestellt. Sie ist vor allem mir gegenüber schüchtern. Gabi dagegen hat gleich einen Draht zu ihr. Auch hier läuft ein Programm ab, das uns echt beeindruckt. Auf Ansprachen von allen anwesenden Hauptpersonen, einschließlich uns beiden, sowie Vorträge und Tanz von den Kindern, folgt ein Mittagessen mit Ceviche (roher Fisch) als Vorspeise, das uns völlig sättigt. Am gefühlvollsten sind die Worte von Marias Vater, der sichtlich gerührt ist über unseren Besuch. Ein Pferdekutschfahrt folgt die Straße rauf und runter. Geschenke aus Keramik bekommen wir zum Abschied. Gabi hat Maria das Kettchen zwischendurch heimlich zugesteckt. Wir verabschieden uns nach etwa 2 Stunden. Plan hat aber noch eine Überraschung für uns. Über 300 Toiletten wurden in einem anderen Projektgebiet in Privathaushalten installiert. Die letzten 5 dürfen wir, besser gesagt Gabi durch Zerschlagen einer Flasche Chicha, einweihen. Beim ersten Mal zerbricht die Flasche sofort. A n der zweiten Toilette gibt man Gabi einen Hacken aus Baustahldraht statt eines Hammers. Erst der vierte Schlag bringt den Erfolg, zur allgemeinen Erheiterung aller Zuschauer. Das ganze Dorf scheint anwesend zu sein. Man lädt uns auch hier zum Essen ein und reicht uns Chicha (Maisbier) in einer Kalebassenschüssel. 3 weitere Toiletteneinweihungen folgen, dann ist noch eine Dorfversammlung mit uns beiden als Ehrengästen. Auch hier müssen wir große Reden schwingen, obwohl uns keiner versteht. Umso größer ist der Applaus. Wir verziehen uns aus dem Festgetümmel, nachdem wir uns im Stadtbuch eingetragen haben und fahren zurück nach Piura. Ein Tag voller Höhepunkte neigt sich dem Ende. Wieder können wir nur Gutes über die Arbeit von Plan International berichten und auch anderen Menschen nahe legen, Pate für ein Kind der dritten Welt über Plan International zu werden. Näheres dazu unter