Südamerika Teil 3

Hier ein paar interessante Fragen, die Gabi an Peter Zörnig stellte.

* Peter, was führt dich hierher?

Ich habe nach Beendigung meines Studiums nach einer Stelle gesucht, aber in Deutschland leider nicht das für mich passende gefunden. Während meiner Reisen habe ich mich dann immer in den jeweiligen Ländern - eher mal Just for fun - bei deren Universitäten beworben. Nach Thailand wurde ich z.B. als Gastdozent für ein halbes Jahr eingeladen. Dort hat es mir auch sehr gut gefallen, aber zu guter Letzt hab ich mich für Brasilia entschieden. Ich bin jetzt hier seit 8 Jahren an der Uni tätig.

* Du bist DZG-Mitglied seit?

Ich bin Mitglied bei der DZG seit 1986. Der Trotter wird mir regelmäßig nachgeschickt.

* Im Trotter hast du inseriert, dass du Gastgeber für DZG-Mitglieder bist. Hattest Du schon viele Besuche?

Außer euch war erst einer zu Besuch bei mir. Das liegt aber auch schon Jahre zurück.

* Was verbindet dich hier in Brasilien mit der DZG?

Natürlich habe ich mir schon überlegt, meine Mitgliedschaft zu kündigen, aber ich bekomme bei Erhalt des Trotters immer etwas Heimatgefühle, so als bin ich noch nicht ganz abgeschrieben in Deutschland.

* Hast du vor wieder nach Deutschland zu kommen?

Solange ich mich hier wohl fühle und den Spaß bei meiner Arbeit nicht verliere, werde ich auf jeden Fall hier bleiben. In Deutschland gibt es ja leider kaum Alternativen für Akademiker. Ich kann mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, in einem deutschen Altersheim zu enden.


Donnerstag, 02.09.2004 (0 km/4.432 km) (NL19: S 1545,331 W 4752,526)

Peter ist ein Langschläfer im Vergleich zu uns. Da die Uni gerade streikt, hat er sozusagen Sonderurlaub. Um 11 Uhr frühstücken wir, dann fahren wir in die Stadt, noch ein paar Sehenswürdigkeiten abklappern. Finde eine Portugiesisch sprechende Zecke an meinem Bauch, was man sich doch alles für Ungeziefer holen kann. Abends trinken wir ein paar Bierchen bei ihm zu Hause und können den Reisebericht 2 losschicken.


Freitag, 03.09.2004 (12 km/4.444 km) (NL20: S 1545,331 W 4752,526)

Wieder lange geschlafen. Spiele den ganzen morgen am Laptop. Dann versuchen wir mit Peter 3 Travellerschecks zu tauschen. Das kostet 20 US$. Für einen Scheck hätte es auch so viel gekostet. Kaufen und schreiben Postkarten. Abends kocht uns Talia ein fürstliches Menü. Gegen Mitternacht gehen wir in einen Tanztempel, in dem jung und alt verkehren. Ich hatte mehr junges Fleisch erwartet, stattdessen hüpften lauter komische Gestalten auf der Tanzfläche rum. Einer jüngeren, ziemlich betrunkenen Frau, die zwar schlank ist, jedoch einen dicken Hängebauch hat, rutscht bei jedem Schritt das T-Shirt hoch und legt ihr bestes Stück frei. Ich muss jedes Mal darüber schmunzeln. Gabi meinte irgendwann: "Ich glaube, die Brasilianischen Männer haben andere Schönheitssymbole." Gegen 4 Uhr verzogen wir uns nach Hause ins Bett.

Samstag, 04.09.2004 (275 km/4.719 km) (NL21: S 1534,065 W 4924,859)

Duschen, Auto einräumen, frühstücken, Abschiedsfoto. Fahren noch gemeinsam zum Fernsehturm. Heute sind die Springbrunnen in Betrieb und der starke Wind lässt tolle Regenbögen entstehen. Wieder ein Abschied, wieder dieses komische Gefühl im Magen. Aber wir müssen weiter. Wir haben mit Talia und Peter neue Freunde gefunden. Peter ist auch für andere DZGler Anlaufstelle und freut sich auf weiteren Besuch, man sollte sich wenn möglich aber vorher anmelden. Ich schau noch eine Weile in den Rückspiegel, dann sind wir wieder allein. Wir verfahren uns ein bisschen auf der Nebenstrecke und finden ein uriges Restaurant am Abend, wo wir für etwa 3 Euro 2 riesige Portionen Essen und ein großes Bier bekommen. Wir schlafen diese Nacht in einer Baggergrube nördlich von Jaragua.

Sonntag, 05.09.2004 (643 km/5.362 km) (NL22: S 1005,509 W 4851,607)

Wir tanken heute zum vierten Mal. (Verbrauch 8,7 l/100 km). Essen schon zu x-ten Mal diese Fleischspieße zum Abwinken. Wir erreichen die Tropen. Es wird zusehends wärmer und wir verlieren an Höhe. Wir nehmen die erste Lariam (Malariaprophylaxe). Jeder hat heute 3,5 l Flüssigkeit zu sich genommen. Gabi will diese Nacht draußen schlafen, was mir erst nicht so gut passt, bevor es aber Streit gibt, leg ich mich auch zu ihr in den Moskitodom. Es ist angenehm kühl darin, aber überall kackt es im Gebüsch, etwas fliegt ums Zelt herum und tausend andere Geräusche der Tropen sind zu hören, dazu ein wunderbarer Sternenhimmel. Es war von der Temperatur her gesehen eine angenehme Nacht. Ansonsten ist noch zu erwähnen, dass wir mit 643 km die längste Tagesetappe gefahren sind.

Montag, 06.09.2004 (703 km/6.065 km) (NL23: S 0428,647 W 4730,531)

So lala geschlafen. Früh los im Sonnenaufgang. Finden heute einfach kein Restaurant wo wir ein köstliches Buffet bekommen. Haben Montag vielleicht alle Ruhetag. Ein kleiner Bryce-Canyon am Wegesrand ist das Tageshighlight. Heute schaffen wir wieder einen neuen Rekord mit 703 km. Bei der Hitze lässt sich kaum was anderes machen. Der Toyota läuft wie ein Uhrwerk. Das Beste ist die Klimaanlage. Die bringt in etwa die gleiche Leistung wie mein Heißluftfön daheim auf Stufe 3. Hat man unerträgliche 38C im Auto, bringt die Klimaanlage die Innentemperatur in wenigen Minuten auf gut 42C. Dabei habe ich das Schrottding vorher extra noch mal füllen lassen. Ein Königreich für eine funktionierende Klimaanlage.

Dienstag, 07.09.2004 (510 km/6.575 km) (NL24: S 0037,161 W 4738,094)

Wir haben zwischen Holzkohlemeilern geschlafen und die Geräusche der Arbeiter wecken uns noch vor der Dämmerung. Heute ist ein großer Festtag in Brasilien, leider wissen wir nicht was da genau gefeiert wird. Festumzug oder zu was man einen Toyota umfunktionieren kannWir schauen uns einen Umzug an, finden eine Tankstelle, an der wir wieder dieses köstliche Rodizio essen, diese saftigen, gegrillten Fleischspieße die einem im Zweiminutentakt an den Tisch gebracht werden bis zur völligen Übelkeit. Verschiedenste Rindfleischsorten, Hähnchenteile, auch mal Knoblauchbrot oder Ananas bekommt man serviert, alles zu einem Fixpreis von nur wenigen Euro. Das werden wir wirklich vermissen, wenn wir Brasilien verlassen. Dann versuchen wir noch den nördlichsten Sandstrand südlich der Amazonasmündung zu finden. Peter Krämer hatte uns die Ecke hier empfohlen. Leider kommen wir erst recht spät in Maruda an und können gerade noch 2 Bierchen an einer kleinen Hafenbar mit dem Besitzer kippen. Die Nacht wird dann ein kleiner Alptraum, denn ich habe leichtsinniger weiße die Fenster ohne Fliegengitter offen gelassen. Ein Fehler der uns fast den Schlaf kostet. Zwar sind nur 2 Moskitos im Auto, aber einer ist cleverer als ich und lässt sich nicht fangen. Ich schimpfe mich selbst einen Idioten. Wie hatte Hans Gaiter an unserer Abschiedsfeier gesagt: "Irgendwann wird man leichtsinnig, auf solchen Touren!" Wie Recht er doch hat.

Mittwoch, 08.09.2004 (283 km/6.858 km) (NL25: S 0130,015 W 4805,859))

Wattenmeer bei MarubaGabi erwacht mit der Erkenntnis: "Das war die beschiessendste Nacht auf unserer bisherigen Tour." Ich kann da nur zustimmen. Gabi geht zum Meer, kommt schimpfend zurück. Die Tagschicht Blutsauger (Sandfliegen) ist auch schon wieder voll in Aktion. Ich selbst trete dann beim Pinkeln in einen Haufen Scheiße. Das geht ja gleich gut weiter. Wir fahren etwas enttäuscht aus Maruda weg. Belem ist das nächste Ziel, die Millionenstadt an der Amazonasmündung. Wir finden die billigste Tankstelle bisher, 1,35 Real der Liter Diesel. Wir machen alle Tanks randvoll, was bei den Zusatztanks ewig dauert (ca. 45 Minuten), weil die Einfüllstutzen für den Tankrüssel zu dünn sind. Wir werden dadurch fast zu einer Attraktion, aber keiner der Brummifahrer ist böse auf uns, obwohl er längere Zeit warten muss. Ein Auto mit 3 Einfüllstutzen hat noch keiner gesehen. Der Tankwart selbst hat unendlich vi Hafen von Belem el Geduld. Später merke ich warum. Selbst die LKW-Fahrer tanken in ihre Brummis maximal 100 Liter. Bei uns sind es zu guter Letzt 250 Liter. Diesen weißen deutschen Toyota wird man hier so schnell nicht vergessen! Der Verbrauch lag diesmal bei 8,1 l/100 km. Wir essen neben einer anderen Tankstelle und erfahren vom Länderspiel Deutschland gegen Brasilien, dass in etwa 1 Stunde beginnen soll (15.45 Uhr, das ist in Deutschland 20.45 Uhr, also wie die meisten Länderspiele beginnen). Wir fahren rein nach Belem, erst mal zum Hafen. Dann ein bisschen Kreuz und Quer. Dann gehen wir in eine Kneipe, das Länderspiel schauen. Es steht schon 1:1 und Deutschland hat eindeutig mehr vom Spiel. Das von uns erwartete Fußballfest auf brasilianisch wird es allerdings nicht. Gerade mal 5 Einheimische schauen mit uns. Nach dem Spiel fällt wieder Regen. Wir besichtigen den Markt Velo-o-Peso (Achte auf das Gewicht übersetzt) in der Dämmerung. Die meisten Stände sind allerdings schon leer. Dann wollen wir wieder raus aus der Stadt, bunkern aber in einem Supermarkt noch Wasser und haltbare Vorräte für die Transamazonica. Der Weg aus der Stadt ist ein ziemliches Chaos, so wie in jeder anderen Millionenstadt im Feierabendverkehr. Nach gut einer Stunde sind wir dann draußen. Der Abzweig nach Bujaru, eine Abkürzung Richtung Transamazonica, wenn man von Belem aus nicht mit der Fähre übersetzen will, bereitet uns einiges Kopfzerbrechen. Gerade die Nebenstrecken sind nicht gerade gut beschildert. Es dauert länger diesen Abzweig zu finden, als aus der Stadt raus zu fahren. Nun sind wir auf dem richtigem Weg nach Süden. Es ist nach 22 Uhr und wir suchen einen Schlafplatz. Obwohl wir mitten durch Dschungel fahren sind alle 100 - 200 Meter Häuser versteckt. Ein schlammiger Abzweig, in den wir vorsichtshalber mit Allrad fahren bringt anfangs auch nicht den gesuchten Erfolg. Von dort führt eine Doppelspur in den Dschungel und wiegt uns in Sicherheit. Es ist wieder mal brütendheiß, natürlich auch im Auto. Kaum liegen wir flach, ist unser Freund Moskito wieder am surren. Das ist der von gestern Nacht. Diesmal hat er weniger Glück. Ich erlege ihn gleich beim ersten Mal. Plötzlich noch ein Moskito und noch einer und noch einer und dann ein kleiner Schwarm. Leichte Panik bricht unter uns beiden aus. Autan kommt zum Einsatz, dann stellen wir unseren Moskitodom in einer Wolke von Moskitos hinter das Auto direkt in den Grünstreifen zwischen den Spuren. Zum Glück steht das gute Stück in wenigen Sekunden. Unterlagen, Kopfkissen und leichte Schlafsäcke, sowie unser Klappspaten und unsere Axt fliegen hinein. Reisverschlüsse zu und erst mal alle Moskitos killen, die mit uns reingeschlüpft sind. Sonst wäre es fast wie im Auto, außer das es deutlich kühler und dadurch angenehmer ist. Von einer Moskitowolke und den unheimlichen Geräuschen des Dschungels umgeben schlafen wir dann doch gegen 1.30 Uhr ein.

Donnerstag, 09.09.2004 (516 km/7.374 km) (NL26: S 0418,293 W 4735,304)

Moskitogesurre weckt mich vor der Dämmerung. Es sind schon wieder 4 Stück in unserem Dom. Er hat mittlerweile ein paar kleine Löcher, dort müssen sie in der Nacht rein gekommen sein. Draußen wimmelt es nur so von ihnen. Zum Glück vertreibt sie hier, in dieser Region der Erde, die aufgehende Sonne. Wir atmen durch und räumen langsam auf. Erste Arbeiter gehen auf ihre Plantagen in der Umgebung. Als ich vom Schlafplatzbildfotografieren, ein allmorgendliches Ritual, zurückkomme, schaut mich Gabi entsetzt an und sagt: "Schau mal unter meine Isomatte!" Ich ziehe sie aus dem Moskitodom und denke ich sehe nicht recht. Eine Armada Ameisen hat sich durch die Bodenplane unseres Moskitodoms gefressen und ist weiter fleißig damit beschäftigt, diese möglichst schnell zu zerkleinern. 20 Löcher dürfte sie schon haben, der reinste Horror. Mir fällt der Ausschnitt des Berichtes von diesem Radler ein, der mit seinem Mountainbike 3000 km die Tranamazonica geradelt ist. Dem haben Ameisen auch sein Zelt zerlegt. Das sind die Momente, wo ich weiß, was ich an meiner Gabi habe. Selbst 95 % der Männer die ich kenne, würden in diesem Moment schreiend davonlaufen. Ich frag mich zwar wohin, aber es wäre wahrscheinlich so. So brauchen wir nicht in die Transamazonica rein zu fahren. Der Toyota ist voller Moskitos, der Moskitodom hat einige Löcher mehr, es ist jetzt schon wieder höllisch heiß und ich frag mich, hat das wirklich einen Sinn, diese Strecke zu fahren. Es war aber der große Traum der letzten Monate. Außerdem will ich endlich mal sagen können, dass unser Toyota schon mehr als nur deutsche Autobahnen gesehen hat, wie die meisten anderen in Deutschland zugelassenen Geländewagen. Wir fahren zügig auf die Teerstrasse, da klappert etwas hinter uns. Gabi sagt im selben Moment: "Hast du die Axt und den Klappspaten ins Auto geräumt?" "Nein ich dachte du hättest alles aufgeräumt", antwortete ich. Wir drehen um und sammeln unsere Axt neben der Teerstrasse ein. Unseren Klappspaten finden wir leider trotz ausgiebiger Suche nicht mehr wieder, was mir ein bisschen weh tut, denn es war mein Original-Bundeswehrklappspaten. 25 Jahre hat er mich begleitet, 15 Monate Bundeswehrzeit und mindestens 30 Reisen rund um den Globus. Ich frage alle Leute die ich in der Gegend treffe. Aber keiner hat etwas Derartiges gefunden. Schweren Herzens fahre ich weiter. Wir erreichen Castanhal und kaufen erst mal ein Insektenspray. Jetzt geht's erst mal dem ganzen Ungeziefer im Auto an den Kragen. In dieser Zeit versuchen wir ein Zelt aufzutreiben. Nach einer Stunde werden wir fündig. Etwa 30 Euro kostet das Zelt. Es ist schon wieder unerträglich warm, dafür ist unser Toyota wieder blutsaugerleer. Wir beschließen anders als ursprünglich geplant in die Transamazonica zu fahren, nämlich die BR 010 zurück bis Felinto Müller und dann auf die BR 222 bis Marada. Gabi hat Lust zu fahren und fährt bis zur Dunkelheit. Wir duschen mal wieder an einer Tankstelle und gehen Pizza essen. Die verdammte Wahlpropaganda die momentan läuft, raubt uns fast den Verstand. Ein LKW mit einer "10.000 Watt-Stereoanlage" steht quer über die Kreuzung und hämmert Wahlversprechen heraus und wieder und wieder den gleichen Song. Ich glaube, wir hören ihn zu fünfzigsten Mal als wir losfahren und sind fast taub. Bis zum Abzweig nach Marada sind es nur noch wenige km. Wie schon oft vorher finden wir auch diesen nicht. Als ich an einer Tankstelle frage, schickt man uns 35 km zurück, genau bis in den Ort unseres Abendessens. Es ist manchmal schon zum Kotzen. Wir finden einen schönen und luftigen Schlafplatz, ohne Moskitos und Ameisen und fallen in einen verdienten und erholsamen Schlaf. Die Transamazonica, eine der (Alp-)Traumstrassen der Welt, steht unmittelbar vor uns. 2.600 km Staub, Schlamm, Hitze, Luftfeuchtigkeit, Moskitos und viele andere Entbehrungen. Ob wir bis Manaus, der Millionenstadt im Amazonasdschungel durchkommen, wissen wir erst, wenn wir dort angekommen sind. Von dort soll auch der nächste Bericht folgen.