Eurasien Teil 10


Montag, 15. August 2005 (419 km/36.725 km/0 km/7.761 km) (140 m H.)
(NL135: N 5313,477 O 4853,233 nach Samara/europäisches Russland)

Um 11 Uhr erreichen wir den Busbahnhof in Samara, unserem Treffpunkt mit Yuris Freund. Ein kurzer Anruf und 15 Minuten später steht Vitali bei uns am Auto. Sofort geht es zur Behörde, bei der wir unsere Registrierung bekommen sollen. Nach langem hin und her haben wir begriffen. Man braucht nur dann eine Registrierung, wenn man sich länger als 3 Tage an einem Ort aufhält. Hierzu bekommen wir das neueste Gesetzesblatt.
die Axmanns Vitali zeigt uns noch ein Internetcafe und verschwindet. Auch von hier haben wir Probleme Vaters Geburtstagsbild zu verschicken. Eine SMS der Axmanns (dem ersten offiziellen Gabi und Rudi-Fanclub, bestehend aus sind Jan (49), Ula (39) und Artur (14)) können wir nicht beantworten, da Gabis Handy streikt.
In einem Handyladen kann man uns auch nicht helfen. Später jedoch funktioniert das Handy sogar. Unser Plan, die Axmanns an der lettisch-russische Grenze zu treffen, stößt auf wenig Begeisterung. Jan hatte Herzprobleme und will aufgrund dessen sein H eimatland Polen nicht verlassen.
Wir kaufen Vorräte, unter anderem eine Palette unseres Lieblingsbieres Baltika. Dann verlassen wir Samara in Richtung Moskau. Beim Tanken sauen wir uns richtig ein, da der rechte Zusatztank schon nach 13 statt 53 l überläuft. 2 Betrunkene quatschen uns ewig voll. Endlich kapieren wir, den in der Kreuzung stehenden Schrotthaufen mit der Aufschrift Lada, sollen wir abschleppen. Eigentlich kein Problem, doch wo macht man an so einer Rostbeule ein Abschleppseil fest? Die Männer strahlen vor Freude und wie sollte es auch anders sein, der mit dem größten Suff setzt sich hinters Lenkrad. In Schlangenlinien, die ganze Straße brauchend, folgen sie ohne Licht, die 7 km bis zu ihrem Haus.
Dankbarkeit ohne Ende strömt uns entgegen. Bleibt die Nacht hier flehen sie fast. Zeitdruck, das Chaos im Haus und die "Alkfahne" der ganzen Familie raten uns, die Einladung auszuschlagen. Das sind ganz arme Menschen und trotzdem wollen sie uns mit Geld bezahlen. Ein 4 l Glas frische Kuhmilch nehmen wir als Entlöhnung entgegen. Dann fahren wir einige km weiter und stoppen hinter einem Wäldchen. 29C im Auto lassen eine ungemütliche Nacht auf uns zukommen.

Dienstag, 16. August 2005 (858 km/37.583 km/1 km/7.762 km) (138 m H.)
(NL136: N 5528,245 O 3811,160 Moskau/europäisches Russland)

Wir verstecken unser Bier im Auto und fahren ohne Frühstück los. Zu weit ist auch heute der Weg und ein Internetbesuch scheint unumgänglich, da unser Handy immer noch keine SMS verschickt. Dann unerwarteter SMS-Terror. Irgendein Sender schickt im Minutenrhythmus die gleiche Scheiße. Gabi hat richtig Stress, die Rückantwort der Axmanns nicht versehentlich mit dem ganzen anderen ankommenden Müll zu löschen. Jetzt wissen wir Näheres. Jan musste wegen seiner Herzprobleme im "Kotzklo", äh Klodzko (Glatz) sogar ins Krankenhaus. Also planen wir ein Treffen für den 24. 08. in Danzig bei Ola und Wlodek, die wir am Baikal kennen lernten. Sie haben ebenfalls auf unsere SMS geantwortet. Dann wäre soweit alles klar. Eine weitere SMS der Axmanns lässt uns unsere Pläne jedoch noch mal ändern. Grund ist am 26.08. eine Feier bei Jans Schwester in Klodzko (Glatz) mit Wildschwein am Spieß. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Deshalb neuer Plan, 18.08. Ausreise Russland, Transit durch Lettland nach Litauen. 3 Tage dort, dann Transit Kaliningrad und 24.08. Treffen mit den Axmanns bei Ola und Wlodek in Danzig. Gemeinsame Fahrt durch Polen nach Klodzko (Glatz) zum großen Grillfest. Wir erreichen den zweiten Ring Moskaus, kaufen ein Hähnchen und verspeisen es am Schlafplatz.

Mittwoch, 17. August 2005 (690 km/38.273 km/0 km/7.762 km) (114 m H.)
(NL137: N 5622,886 O 2806,210 Zilupe/Lettland)

Auch heute fahren wir ohne Frühstück los, Tagesziel ist Lettland. Genau 15 Jahre sind wir nun zusammen, eigentlich ein Grund zum feiern. Wir erreichen den inneren Ring um Moskau und fahren an der Abfahrt M 9 nach Riga ab. Nach 80 km endet die Autobahn und ich bin platt. Wir stoppen eine Weile, schlafen und trinken Kaffee. Mit neuem Elan geht's weiter. Wir tanken seit langem mal wieder voll. Auch den Ölwechsel wollen wir noch in Russland erledigen. In B. Luki stoppen wir an einer Werkstatt. Ich zeige den neuen Ölfilter und schon ist der Alte abgeschraubt, mitten auf der Straße, unter dem Auto eine große Öllache. Gerade das wollten wir eigentlich verhindern. Die restlichen 9 l landen in einem Eimer und verschwinden in der Werkstatt. 300 Rubel kostet die Sauerei.
Wir fahren aus der Stadt, die EU ruft. Eine Kurve, dahinter Polizei und wir sind zum zweiten Mal geblitzt. 82 bei erlaubten 60 km/h. 100 Rubel Strafe, das ist ja echt human. Wir stellen uns trotzdem doof, hoffen auf Straferlass. Das Problem besteht nicht in den 3 , sondern darin, dass wir sie nur auf der Bank in B. Luki begleichen können und die ist jetzt um 19 Uhr geschlossen. In Deutsch und Englisch versucht Gabi begreiflich zu machen, dass wir heute über die Grenze wollen. Der Polizist spricht aber nur ein bisschen Französisch, wie er zu verstehen gibt. Leicht genervt präsentiert Gabi ihre ganzen Französischkenntnisse, ohne groß zu nachzudenken: "Voulez-vous coucher avec moi cesoir?"(*) Der Polizist ganz geschockt, "Ne goworit po franzuski" (**) ohne etwas verstanden zu haben! Gabi dreht sich zu mir: "Hab ich das wirklich gesagt?" Wir müssen uns das Lachen schwer verkneifen. Nach dieser Komikeinlage lassen uns die korrekten Milizen weiterfahren.
An der Grenze stehen wir 2 Stunden, dann der große Schock. Man akzeptiert weder unseren Registrierungsstempel aus Ulan Ude, noch unser in Samara erhaltenes Gesetzesblatt. Wir treten beim Chef des Grenzübergangs an und werden 1 Stunde verhört. Mit hoher Geldstrafe und Gefängnis droht man uns. Wir lassen uns aber auch hier nicht mehr einschüchtern. Wir beharren darauf, nie länger als 3 Tage an einem Ort gewesen zu sein und deshalb brauchen wir keine Registrierung. Erst nachdem man sämtliche Einkaufsbelege und die Schiffverladepapiere kopiert hat, lässt man uns ausreisen. Auf diese Art und Weise war unsere gefahrene Route durch ganz Russland nachvollziehbar.
In Lettland 0 Problemo, wir atmen tief durch. Gabi verschickt so viele SMS wie möglich, solange das Handy noch geht. Dann stoppen wir in einem Feldweg und merken, dass unser großer Feiertag erst morgen ist.
(*) Für alle die des Französischen nicht mächtig sind, oben aufgeführter Satz heißt übersetzt: "Wollen sie mit mir schlafen?" (**) "Ich spreche nicht französisch!"

Donnerstag, 18. August 2005 (248 km/38.521 km/13 km/7.775 km) (113 m H.)
(NL138: N 5523,666 O 2610,227 Aukstaitija NP/Litauen)

Spiegelsee Wir schlafen aus und frühstücken im Freien. Störche geben tolle Fotomotive. Die Mittagszeit verbringen wir an einem See. Gabi kocht während ich schon wieder schlafe. Zwei Stunden später besichtigen wir 2 Kirchen in Daugavpils und verschicken schnell unsere Pflichtpost dank sehr hilfsbereiter Menschen.
Ein kurzes Vorzeigen des Reisepasses und wir sind in Litauen. Wie Lettland ist auch Litauen landschaftlich sehr reizvoll. Wir stoppen an einem idyllischen See im Aukstaitija NP und haben einen Superplatz für unsere 15-Jahrfeier. Mir ist jedoch auch jetzt nicht nach feiern. Die harten Fahrtage machen sich bemerkbar, zudem bekommen wir unerwarteten Besuch. Eine Familie sitzt laut palavernd auf dem Steg. Dann zünden sie ein Lagerfeuer und wir gesellen uns dazu. 2 Stunden später sind wir wieder allein, aber die Flasche Champagner bleibt zu. Der Vollmond spiegelt sich traumhaft im See, während wir hundemüde im Auto einschlafen.

Freitag, 19. August 2005 (164 km/38.685 km/2 km/7.777 km) (156 m H.)
(NL139: N 5438,217 O 2456,025 Trakai/Litauen)

Brautschau Wir beginnen den Tag mit einem Bad. Um 13 Uhr verlassen wir unser kleines Idyll und wollen noch Vilnius besichtigen. Kaum auf der Straße erreicht uns eine SMS der Axmanns: "Wir sind in Vilnius." Na, wenn das keine Überraschung ist! Treffpunkt soll die Kathedrale mit dem einzeln stehenden Glockenturm sein. Wir sind dort, doch von den Axmanns keine Spur. Nach einer weiteren SMS stacksen die 3 suchend über den Platz. Die Freude ist auf beiden Seiten groß. In Jans Peugeot fahren wir durch die Stadt und schießen ein paar Fotos. Heute scheint Großhochzeitstag und eine Braut ist schöner als die andere. Die nächste wird fotografiert, doch gerade diese gefällt mir nicht. Arturs Kommentar dazu: "Stimmt Rudi, die sah echt voll scheiße aus."
Wir spazieren durch die sehenswerte Altstadt und fahren im Sonnenuntergang Richtung Trakai. In einem gemütlichen Lokal am Seeufer wird die gestern versäumte Feier nachgeholt. Von den beiden köstlichen Platten bleibt nichts übrig. Jan lädt 3 litauische Damen zum Champagner ein, welche ohne zu zögern annehmen. 1 Flasche Wein und Bilder aus Sibirien füllen den Abend. Artur pennt im Cola-Vollsuff auf dem Tisch. Wir schlafen die Nacht auf dem Parkplatz vor dem Lokal in den Autos.

Samstag, 20. August 2005 (248 km/38.933 km/0 km/7.777 km) (103 m H.)
(NL140: N 5600,910 O 2324,743 Berg der Kreuze/Litauen)

Hofnarren aufBurg Trak Die Burg steht auf dem Programm. Beide Axmänner stolpern im Gleichschritt, schauen sich auf die Schuhe und lachen. Sohnemann (Schuhgröße 44) trägt Vaters rechte Sandale (Schuhgröße 42) und umgekehrt. In dem beeindruckenden Bauwerk läuft ein mittelalterliches Programm. Henker, Ritter, Burgfrauen, Bettler und ein Narr sorgen für Unterhaltung. Wir bleiben bis nach 12 Uhr und lassen uns dann am Seeufer nieder. Ausgiebig wird gegessen und für die restlichen Tage geplant. Gabi geht mit Artur schwimmen. Jan uns ich schauen nach, warum der Toyota seit einiger Zeit so Übelkeit erzeugend stinkt. Die Dieselpumpe scheint erneut undicht.



Berg der Kreuze Berg der Kreuze Dann fahren wir weiter zum Berg der Kreuze und sind mächtig beeindruckt von dieser christlichen Kultstätte. Tausende von Kreuzen aller Formen und Größen zieren einen kleinen Hügel. Etwas überraschend verlassen uns die Axmanns, wollen zurück nach Polen in die Masuren fahren. Eine Fahrt durch Kaliningrad wollen sie nicht riskieren, da Polen und Russland zurzeit kein gutes Verhältnis zueinander haben. Ein kurzer Abschied und wir sind wieder allein. Am Mittwochmorgen treffen wir sie Marienberg wieder. Auch wir verewigen uns an diesem heiligen Ort und danken für unsere geglückte Reise. Der Vollmond taucht die Anlage in ein gespenstisches Licht. Gelegenheit für endlose Fotomotive.

Sonntag, 21. August 2005 (232 km/39.165 km/6 km/7.783 km) (2 m H.)
(NL141: N 5531,247 O 2105,726 Kurische Nehrung NP/Litauen)

Der Schreck am Morgen. Jemand hat unser Gedenktäfelchen vom Kreuz gerissen und dahinter auf den Haufen verrottender kleiner Kreuze geschmissen. Wir sind stinksauer, das ist wie Grabschändung. Nach kurzer Überlegung nehmen wir es mit nach Hause. Es soll dort einen Ehrenplatz erhalten. Wer macht so was? Eines dieser scheinheiligen alten Weiber, die Touristen segnen und dafür Geld erwarten? Es verdeckte, dass müssen wir schon zugeben, unter einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, ein wenig das Bild des Pabsts auf einem Teller, der am Kreuz dahinter befestigt ist. Dafür haben wir jedoch kein Verständnis! Am Büstenhalterzaun in Neuseeland bleibt wenigstens hängen, was aufgehängt wird!
Wir fahren nach Palanga und bummeln durch den Stadtpark. Toll was die Litauer seit ihrer Unabhängigkeit geleistet haben. Dieser Badeort bietet alles zu humanen Preisen. Im Bernsteinmuseum bewundern wir die Jahrmillionen alte, damals im Harz eingeschlossene Kleintierwelt. "Jurassic Park" lässt grüßen. Der 600 m ins Meer hinausragende Steg ist unser nächstes Ziel. Ein Bodybuilder findet sich obercool und pinkelt vor allen Leuten ins Meer! Macht zu viel Anabolika blöd?
Weiter geht's zum Hafen von Kleipeda, den wir erst im zweiten Anlauf finden. Beim Warten auf die Fähre zur Kurischen Nehrung entdecke ich die Ursache für den Gestank unseres Toyotas. Der linke Zusatztank hat ein Loch. Austretender Diesel vermischt sich mit am Tank klebenden Teerresten und erzeugt diesen ekelhaften Geruch. Wir setzen über. Dort kommt uns eine ewiglange Autolawine entgegen, wollen alle auf das Festland zurück. Wir spazieren in der Dämmerung noch über den Hexenberg und fahren zum Schlafen an die Ostseeküste.

Montag, 22. August 2005 (52 km/39.217 km/1 km/7.784 km) (1 m H.)
(NL142: N 5509,392 O 2051,204 Kurische Nehrung/Enklave Kaliningrad/Russland)

Die weltbesten Bernsteinsucher machen sich am Morgen zum Strand. Ergebnis, viel Stein, kein Bern. Nach ausgiebigem Frühstück fahren wir nach Nida. Wir suchen das Thomas Mann Haus und marschieren blindlings dran vorbei. Der Ort scheint in deutscher Hand. Visa für Kaliningrad kann man für teueres Geld kaufen. Die große Düne sehen wir nur von weitem, deshalb fahren wir gleich zur Grenze. Ohne Probleme reisen wir aus Litauen aus, mit Problemen in Kaliningrad ein. Eine extrem negativ nette und minus fleißige Zollbeamtin nervt uns, zudem kostet der Eintritt in den Park saftige 1.000 Rubel. Wir ärgern uns, fahren aber weiter. Ein erster Wanderweg führt uns zum Schwanensee an der großen Düne. Dann geht's endlich in die Fluten der Ostsee. Eine rote Qualle jagt uns genauso schnell wieder an Land. Wir finden sogar etwas Bernstein und fahren zufrieden weiter. Den Sonnenuntergang beobachten wir von der höchsten Düne der Nehrung. Im Dorf Ribachi finden wir unser Nachtlager.

Dienstag, 23. August 2005 (167 km/39.384 km/0 km/7.784 km) (16 m H.)
(NL143: N 5409,392 O 2051,204 Grenzübergang Mamanovo/Enklave Kaliningrad/Russland)

Am Morgen sitzen Katharina und Holger, 2 junge Deutsche neben uns am Wasser. Wir unterhalten uns 3 Stunden mit den sympathischen Studenten, Zeit die wir eigentlich gar nicht haben. In Lesnoje dem letzten Ort im Park werden wir endlich unsere Russlandpostkarten los. Svetlogorsk, ein alter Badeort ist unser nächstes Ziel. Wir bummeln eine Stunde herum und können mit Kreditkarte voll tanken.
Kaliningrad selbst erreichen wir gegen 19 Uhr. Auch hier nur ein kurzer Spaziergang. Im Supermarkt decken wir uns mit Lebensmitteln ein. 2 Russen geleiten uns aus der Stadt. An der Grenze sind wir schnell, was dann kommt grenzt an Verarschung. 2 Stunden hier in der Schlange, 2 Stunde da. Gabi sitzt bis 3 Uhr am Steuer, während ich hinten versuche zu schlafen. Fürs Pinkeln ins Gebüsch soll ich gleich Strafe z ahlen! Statt das der Blödmann aufpasst, das sich nicht jeder vordrängelt. Irgendwann stehen wir kurz vor dem Schlagbaum und es ist 5 Uhr.

Mittwoch, 24. August 2005 (179 km/39.563 km/0 km/7.784 km) (161 m H.)
(NL144: 5428,164 O 1826,876 Gdynia/Polen)

Es geht trotzdem nicht weiter, diese schwachsinnige Russenbürokratie. Der momentane Streit zwischen Polen und Russland macht alles noch komplizierter. Völlig gerädert und froh, fast zu Hause zu sein, verlassen wir um 6.57 Uhr die russisch-polnische Grenze. Die Axmanns erwarten uns schon in Malbork und diese letzten 70 km schaffen wir mit links auf dieser zwar schmalen, aber außergewöhnlich guten Allee.
Vor uns ein Mähdrescher, dahinter eine Schlange überholender Autos, das letzte bremst wegen Gegenverkehr, wir dadurch auch und hinter uns quietschen die Reifen!?! Wir machen dem von hinten heranrasenden Omega Platz, doch dieser donnert uns regelrecht ans linke Vorderrad und ab geht's von der Straße, direkt auf einen der riesigen Bäume zu. Folgt nun das bittere Ende unserer bis jetzt so glücklichen Reise? das Aus "Bloß nicht an den Baum!" hämmert es in meinem Kopf, doch dieser kommt unaufhaltsam und rasend schnell näher! Haarscharf geht's dran vorbei, dann bohren wir uns mit der Stoßstange in den Graben. Da hat unser Schutzengel seine Hand dazwischen gehalten, als Wiedergutmachung für die Schandtat am Berg der Kreuze! Mehr nebenbei vernehmen wir einen lauten Knall. Der Omega hatte nicht so viel Glück, der Baum war übermächtig. Wie durch ein Wunder sind alle 4 Unfallbeteiligten unverletzt, der Opel Totalschaden.
Polizei und Feuerwehr sind schnell vor Ort. Die Axmanns, per SMS herbeigerufen, stehen uns 10 Minuten später als wertvolle Dolmetscher zur Seite. Die Sachlage ist klar, nach einer ersten Falschaussage gibt die Unfallgegnerin ihre Schuld zu. Gut eine Stunde dauert die Bergung des Opel Omega auf "polnisch rückwärts".
Dann versucht uns der ADAC aus dem Graben zu ziehen. Die letzten 2 m fahren wir aus eigener Kraft. Der Toyota hat einige Schrammen (beide Kotflügel vorne eingedellt, die Stoßstange verbogen, die Dieselpumpe verliert Kraftstoff, der Tank läuft stärker aus, Scheinwerfer- und Blinkerglas gesprungen und die Schutzhülle des rechten Stossdämpfer abgerissen). Eine Fahr- und Bremsprobe verläuft unbedenklich. Zufrieden denke ich auch jetzt, verdammt gutes Auto. Der Polizist meint, dass wir in dieser Situation so cool geblieben sind! Wenn der wüsste, von wo wir herkommen!
Vor dem Besichtigen der Kreuzritterburg holen wir das Unfallprotokoll auf dem Polizeirevier. Dann gleich der nächste Unfall, als Jan mit dem Hirn an ein Verkehrsschild donnert. Auf dem Parkplatz ein gelber Lkw mit Womoaufbau. Ich hänge eine Einladung zu unserem Treffen in Nickersfelden an seinen Scheibenwischer. Die Burg selbst beeindruckt durch ihre gewaltige Größe. Die Besichtigung dauert über 2 Stunden. Vor der Weiterfahrt nach Danzig essen wir noch ein paar Würste. Arturs Mittagessen landet aus Versehen, damit es sich auch lohnt, mit Senf und Ketchup auf dem T-Shirt (Unfall Nr. 3).
Ola, unsere Bekannte vom Baikalsee, empfängt uns herzlich an einem riesigen Einkaufszentrum in der Nähe von Danzig. Wlodek ist leider zurzeit in Warschau. Wir duschen, können ins Internet und dann gibt es köstliche Lasagne. Abends fahren wir in die grandiose Danziger Altstadt. Bis 22.30 Uhr bummeln wir durch die beleuchteten Gassen, dann fahren wir zurück. Während die anderen Bilder anschauen, gehe ich noch mal ins Internet. Um 2.30 Uhr verziehe auch ich mich in unser Schlafgemach, in dem Jan gerade die komplette Holzeinrichtung samt Parkett zersägt.

Donnerstag, 25. August 2005 (597 km/40.160 km/0 km/7.784 km) (421 m H.)
(NL145: N 5024,514 O 1627,077 Szczytna/Polen)

Artur beschwert sich lautstark am Morgen: "Papa, du hast mir im Schlaf auf den Fuß getreten!?!" Wie geht das denn? Ola lässt uns nach dem Frühstück alleine im Haus. Um 10 Uhr verlassen wir Danzig und fahren den Axmanns hinterher, immer gen Süden. Gabi fährt missmutig das erste Stück, weil ich todmüde bin. In Thorun stoppen wir für einen Stadtbummel. Gabi und Ula nutzen das gnadenlos aus und verschwinden in jedem Geschäft. Wir 3 Männer warten geduldig und verputzen dabei einige kg Lebkuchen. Gegen 19 Uhr braucht Jan eine erste Pause. Aus 10 Minuten wird eine Stunde, in der wir ausgiebig essen. Artur und ich verbiegen unsere Plastiklöffel in "Uri Geller Manier" in der heißen Suppe. Danach liest Artur unsere Zukunft aus dem Gurkenglas. Jan will seinen Heimatort heute noch erreichen, deshalb fahren wir um 20 Uhr weiter. 2 Stunden später brauchen wir beide eine Pause und schlafen ein Weilchen. Um 1.30 Uhr die Erlösung. Wir haben das Elternhaus von Ula erreicht, trinken dort noch ein Bierchen und fallen in einen wohlverdienten Schlaf.

Freitag, 26. August 2005 (38 km/40.198 km/0 km/7.784 km) (418 m H.)
(NL146: N 5029,598 O 1638,139 Laczna/Polen)

Wildschwein am Spieß Heute Abend steigt die heiß ersehnte Grillparty. Ula meldet völlig außer sich einen Plattfuß vorne rechts am Toyota. Jan und ich lassen den Reifen in einer Werkstatt reparieren. Erde war durch den Unfall zwischen Reifen und Felge gekommen. Dann tauschen wir Geld in die Stadt und besichtigen die Katakomben. Im Anschluss geht's durch den Markt, dem Tageshöhepunkt für unsere Damen. "Artur halt mal die Hose fest!" Der greift auch hin! Trotzdem landet das gute Stück im Dreck! "Artur kannst du nicht aufpassen", schnauzt Ula. Junior meint: "Mama, das war nur ein Versehen!"
Ein Vodka in Ehren kann niemand verwehren Ein kurzer Besuch bei Jans Eltern folgt, dann geht's auf die Fete. Das Wildschwein brutzelt schon über dem offenen Feuer und Spirituosen machen die Runde. 3 Wodka allein mit Jans Vater, dann setz ich mich ans Laptop. Später erzählt mir Jan, sein Vater dachte, ich spiele Musik. Es wird eine lange Nacht hier in Schlesien. Auch Jans ältere Kinder Robert und Bernadette mit Freund Christof sind aus Deutschland gekommen. Russland hat mich geeicht, deshalb bin ich auch hier der Letzte am Feuer. Auch die schönste Feier geht mal zu Ende. Das Christoph hier auch fremd ist, merkt man daran, das er das Haus von Jans Schwester einen Schritt rechts neben der Tür betreten will.

Samstag, 27. August 2005 (0 km/40.198 km/0 km/7.784 km) (418 m H.)
(NL147 wie NL146)

Irgendwie fehlt uns der Tatendrang. Während Jan ganz hektisch herumhüpft, frühstücken wir gemütlich. Um 11 Uhr fahren wir mit Jans Auto zum Nationalpark Narodowy Gör Stotowych (Heuscheuergebirge). Artur sagt: "Mama, gib mir mal den Fotoapparat!" Ula reicht ihn hin und klatsch, da liegt auch dieser im Dreck. "Artur kannst du nicht aufpassen!" schreit Ula, aber Artur meint auch diesmal: "Mama, das war nur ein Versehen!" (Klar Artur, was sonst?) Nicht unbeschwerlich ist der Aufstieg ins Felsenlabyrinth auf der Anhöhe. Jan stolpert vor, Artur hinter mir, natürlich auch hier aus Versehen und ich hau mir den Schädel an. Zu allem Überfluss habe ich keinen Reservefilm dabei und kaum ein Digitalfoto wird scharf. Dieser Irr(en)garten macht seinem Namen alle Ehre. Affenfelsen Wieder am Parkplatz verzehren wir ein paar kulinarische Köstlichkeiten. Dann zeigt uns Jan noch die Schädelkapelle in Czermna (Gremzeck). Hunderte von Totenköpfen einer Pestepedemie zieren die Wände des kleinen Gotteshauses. Leider ist Fotografierverbot. Dann führt uns Jan ins beste Restaurant der Gegend. Kaum haben wir bestellt, fällt uns ein, das wir in einer Stunde beim Wildschwein sein sollen. Also abbestellen und nichts wie hin nach Laczna (Wiesau). Kaum in Szczytna (Rückers) stoppt uns die Polizei. Jan ist zu schnell gefahren. Eine kurze Diskussion und wir können weiter, ohne zu bezahlen. Nach einem Kaffeeklatsch bei Ulas Mutter fahren wir zur Wildschweinparty 2. Teil. Heute bleib ich trocken, dafür trinkt Gabi ein paar Bierchen. Auch dieser Abend ist gelungen.

Sonntag, 28. August 2005 (617 km/40.815 km/0 km/7.784 km) (264 m H.)
(NL148: N 4958,682 O 1037,009 A 70 bei Schweinfurt/Deutschland)

Abschied von Polen Abschied von Polen Arturs Isomatte ist so bequem, dass er sogar daneben gut schlafen kann! Jan dagegen hat gar nicht ausgeschlafen. Auch heute lassen wir es gemütlich angehen. Dann erledigen die Axmanns noch einige Sachen und bringen Artur zu Ulas Mutter. Dafür fährt Robert mit den beiden nach Hause. Die Straße zur Grenze ist schmal. Zum Glück ist Sonntag und somit wenig LKW-Verkehr. Jan hat es eilig, will ab der Grenze schneller fahren. Dann bleiben wir doch bis Bamberg zusammen. Hinter dem Autobahntunnel stellen wir uns zum Schlafen auf einen Parkplatz, während die Axmanns noch nach Hause fahren. Die letzte Nacht in unserem Toyota liegt vor uns. Morgen Abend wollen wir wie geplant zur Geburtstagsfeier meines Vaters zu Hause sein.

Montag, 29. August 2005 (68 km/40.883 km/0 km/7.784 km)

Erstes Ziel ist Foto Porst in Schweinfurt. 140 Diafilme sorgen für ziemliche Aufregung im Laden. Dann fahren wir nach Poppenroth und warten auf den Abend. Vater soll ja glauben, dass wir erst in 2 Wochen kommen. Die Überraschung war nicht so perfekt, trotzdem hat er sich riesig über unser Erscheinen zu seinem 75zigsten gefreut.

Etappe 3 war mit großem Abstand die härteste Tour unseres Lebens. Chaos und Korruption im Kaukasus und Kasachstan, Extrem-Offroadtouren in der Mongolei und Ostsibirien mit dem Verlust unserer Winde, stehen vielen Begegnungen mit außergewöhnlichen und hilfsbereiten Menschen auf unserem 40.815 km langen Weg ans Ende der Welt und zurück gegenüber. Der Toyota war auch hier eine sichere Bank, selbst 2 m tiefe Furten konnten ihn nicht stoppen. Nur die Versorgung mit Ersatzteilen machte etwas Kopfschmerzen (wie z. B. wochenlanges Suchen in Russland und Kasachstan nach einem Ölfilter). Gabi wird wohl so manchem "korruptem Polizistenschwein" auch jetzt noch gelegentlich im Traum erscheinen. Ohne ihre gespielt aggressives Auftreten den örtlichen Gesetzeshütern gegenüber, wären wir doch den einen oder anderen Rubel mehr losgeworden. So haben wir nur das erste Blitzen in Moldawien (2,52 ) und das Überholmanöver im Kaukasus (ca. 15 ) bezahlt. Wir wollen hiermit an alle anderen appellieren, die uns auf unseren Spuren folgen wollen, auf keinen Fall sofort den Geldbeutel zu zücken! Ihr macht es nachfolgenden anderen Reisenden unnötig schwer. Ein bisschen Zeit und Geduld sowie selbstsicheres Auftreten löst das Problem meistens von allein. Da wir im September zur Einweihungsfeier der von Elena Erat ins Leben gerufenen Peter-School in Bah/Indien mit dabei sein sollten, mussten wir einen Monat verkürzen. Somit gingen unsere Pläne in Sibirien nicht ganz auf. Das soll aber keine Tragödie sein, sondern eher ein weiterer Grund für eine Reise nach Russland, dem nach meiner Meinung schönsten Land der Welt.

Nun geht's noch für 12 Tage nach Indien. Davon berichten wir in Kürze in Etappe 3 1/3.