Eurasien Teil 7

Himmel und Hölle auf dem Weg nach Magadan

Dieser Bericht ist all den wundervollen Menschen gewidmet, die uns auf unserem beschwerlichen Weg ans Ende der Welt begegneten, uns wie selbstverständlich an ihrem Leben teilnehmen ließen, uns mit ihrer ganzen Kraft zur Seite standen, damit unser großer Traum, Magadan auf dem Landweg zu erreichen, in Erfüllung ging. Unsere Probleme wurden ihre Probleme und sie gaben nicht eher auf, bis eine Lösung gefunden war.

Montag, 4. Juli 2005 bei Muhorsibir/Gebiet Chita/Russland
(138 km/22.398 km/1 km/2.789 km)
(897 m H.) (NL93: N 51°06,569 O 108°06,727 )

Um 18 Uhr verlassen wir das Baikal Informationscenter GRAN und tanken außerhalb der Stadt. Das Abenteuer Magadan kann beginnen. Es wird eine Pionierfahrt mit Transamazonica-Charakter. Wir haben keine brauchbaren Infos, wissen nicht mal, ob es zwischen Chita und Skovorodino eine Straße gibt. In einem Wald legen wir uns bei Affenhitze schlafen. Zum Glück kühlt es in der Nacht ab.

Dienstag, 5. Juli 2005 bei Bogomjakovo/Gebiet Chita/Russland
(701 km/23.099 km/53 km/2.842 km) (679 m H.)
(NL94: N 51°38,837 O 115°41,862 Trasse P 427)

p> Wir verlassen unser Nachtquartier bei Regen und kommen auf guter Straße schnell voran. Vor Chita eine harmlose Polizeikontrolle. In der Stadt müssen wir den Weg erfragen. Abends essen wir in einem Truckstopp, dann beginnt das richtige Sibirien. Die neue Trasse zum Pazifik empfängt uns mit Mega-Staubwolken, verursacht von vielen fahrenden Pappkartons (mit Kartons und Klebeband gegen Steinschlag geschützte, rechts gesteuerte Importautos aus Japan).
Nach 45 km stoppen wir in einem Seitenweg. Heute haben wir eine neue Zeitzone überschritten und sind jetzt 7 Stunden vor Deutschland.

Mittwoch, 6. Juli 2005 Trasse P 427 Uljatka/Gebiet Chita/Russland
(602 km/23.701 km/600 km/3.442 km) (635 m H.)
(NL95: N 53°42,319 O 122°03,621)

Um 10 Uhr liegen schon 100 km hinter uns. In einer Baustelle werden wir orientierungslos. Kein Autoschieber ist mehr zu sehen. Gabi findet dieses Wort verwerflich, deshalb bezeichnen wir sie jetzt "fahrende Wegweiser". Da wo sie herkommen, wollen wir hin. Dauerregen setzt ein. Wir schaffen trotzdem bis 14 Uhr 290 km. Dann die zweite Baustelle 140 km lang.
Kreuz und quer führen die Wege. Wir fahren durch vergessene, aus einem vergangenen Jahrhundert stammende Orte. Nach mehrmaligem Fragen finden wir zurück zur Hauptpiste, die hier aber in erbärmlichem Zustand ist. Später wird sie besser, dafür der Regen schlimmer. Schlammige Wasserfälle säumen unseren Weg, die Pfützen werden größer und größer.
In einem Dörfchen gehen wir essen und verewigen uns mit einer Allrad-Keba-Visitenkarte an der Wand. Der deutsche Toyota wird zum Ortsgespräch. Wir haben 600 Pistenkilometer geschafft, das ist neuer Offroad-Rekord für uns. Wir übernachten in einem Steinbruch.

Donnerstag, 7. Juli 2005 vor Berkakit/Jakutsien/Russland
(517 km/24.218 km/399 km/3.841 km)(918 m H.)
(NL96: N 56°26,523 O 124°45,678 M 56)

Ähnlich wie gestern kommen wir auch heute zeitig weg. Die noch über 10.000 Pisten-km (Jakutsk-Magadan-Jakutsk-Lensk-Jakutsk-Skovorodino-Chita) bereiten mir Kopfschmerzen. Wir müssen, wollen wir es schaffen, jetzt jeden Tag 500 km fahren. 80 km laufen gut, dann stehen wir in der 3. Baustelle. Yuriy, ein Mitsubishi-Busfahrer, stoppt uns und fragt, ob wir den Weg kennen. Wir folgen ihm und landen auf einer nur mit Allrad zu befahrenden Schlammspur.
In Skovorodino spendiert er einen Kaffee und lädt uns zu sich nach Hause in Vladivostok ein. In seinem Bus läuft eine DVD mit den Scorpions und "Bad Boys running wild". Er bringt uns noch zum Internet und fährt dann weiter nach Vladivostok. Wir können eine Email an die DZG schicken, in der wir um Kontakte in Jakutsk fragen. Um 14 Uhr verlassen wir Skovorodino.
Elchtest Dass es Elche in der Taiga gibt, haben wir in der Schule gelernt. Das man hier auch den "Elch-Test" durchführt, erkennen wir erst, als wir den seitlich umgekippten, die Böschung unten liegenden russischen UAZ-Jeep sehen. Testurteil: Glatt durchgefallen. Gabi meint mal wieder, den können wir doch bergen. Gesagt getan, die Winde zieht und der UAZ steht auf eigenen Beinen, bzw. Rädern. Jetzt muss er nur noch auf die Straße, aber die Winde zieht nicht mehr, hat sich irgendwie in sich selbst verheddert. Im Rückwärtsgang ziehen wir den UAZ auf die Straße und alle freuen sich. Nur unsere Winde klappert merkwürdig beim Aufrollen, mir schwant Schlimmes.
Ein fraglicher Abzweig, dann ein Schild. Jakutsk 1.157 km. Wir freuen uns, da wir mit 2.000 km gerechnet hatten. Ab jetzt sind wir allein, die fahrenden Wegweiser kommen nicht von Jakutsk, sondern von Vladivostok. Die Piste läuft gut, trotz kräftigem Regen. Dann doch blauer Himmel über der Taiga. Wir sind im größten Waldgebiet der Erde. Willst du ohne "Pavianarsch" von der Toilette zurückkommen, brauchst du den richtigen Platz (unbewachsene größere Stelle, wie z. B. ein Steinbruch) und die richtige Zeit Mittagshitze). Fackel trotzdem nicht lange, Moskitos und Pferdebremsen kennen keine Gnade. Nach Tynda, einer größeren Stadt, blubbert bei einem Fotostopp der Kühler. Ist was am Auto kaputt? Wir füllen Wasser nach. Gabi entdeckt eine fehlende Schraube an der rechten Batteriehalterung. Auch sie beäugt ständig kritisch unseren Toyota. Die Wassertemperatur bleibt konstant. Nach geschafften 500 km stoppen wir in einem Parkplatz neben der Straße.

Freitag, 8. Juli 2005 vor Verh. Amga/Jakutien/Russland
(520 km/24.738 km/285 km/4.126 km) (441 m H.)
(NL97: N 60°05,797 O 127°17,875 M 56)

8 Uhr on Tour. In Cul´man die erste Polizeikontrolle auf der M 56. Wir befestigen die Sandbleche neu, füllen Kühlwasser auf und entdecken ein winziges Loch im Haupttank. Außerdem hat unser Reserveschlauch 1000 Löcher. Die staubige Schlagloch-Trasse geht an die Substanz. Die gelegentlichen Teerstücke mit den tiefen Querrinnen sind noch schlimmer. Um 17 Uhr haben wir nicht mal 300 km geschafft.
In Tommot gehen wir essen, und treffen den polnischen Biker Chris. Er ist mit 2 Freunden, die mehr Zeit haben als er, von Alaska mit dem Schiff gekommen und hat die Strecke von Magadan bis hier in 5 Tagen geschafft. Die Straße ist zurzeit gut, "hat wenig Wasser", was immer das auch heißen mag. Er erwähnt eine gewaltige, aber passierbare Furt, man hatte ihm angeboten, ihn mit einem Lkw überzusetzen. Des Weiteren sind die meisten Brücken eingestürzt und da wären noch einige Schlammlöcher. Für ein 180 km langes Stück hatte er 12 Stunden gebraucht. Also alles nicht so schlimm. Er kennt 2 Typen in Magadan, die Touristen gegenüber sehr hilfsbereit sind und hat auch noch eine Paste dabei, mit der wir unseren Tank abdichten können.
Um 18.30 Uhr verlassen wir den Ort, in dem wir 3 Ausländer für kurze Zeit Mittelpunkt waren. Mächtige Flüsse überqueren wir auf baufälligen Brücken, bis der Toyota mal wieder stehen bleibt. Während ich den Dieselfilter tausche, spielt Gabi Pingpong mit den Bremsen. Mit einigen Lkw-Fahrern schlafen wir an einem Truckstopp, mit viel Lärm die ganze Nacht.

Samstag, 9. Juli 2005 Jakutsk/Jakutien/Russland
(327 km/25.065 km/268 km/4.394 km/80 km Toyota Hilux)(110 m H.)
(NL98: N 62°03,642 O 129°44,975 )

Lena Faehre Ein schönes M 56-Schild, nur mit Lötdraht befestigt, findet unsere Aufmerksamkeit und schon liegt es im Auto. Es passt wie angegossen hochkant in eine unserer Kisten. An J akutsk, unserem Tagesziel fahren wir erst mal blind vorbei. Auf der Lena-Fähre sind wir bestaunte Exoten und Sascha Nr. 4, ein Jakutsker Journalist spricht uns an.
"Habt ihr irgendwelche Problemchen, ich kann euch helfen?" Den schickt der Himmel. Zuerst braucht der Toyota seinen zweiten Ölwechsel. Verständigungsprobleme lassen uns in einer Tankstelle, einem Autohandel und in einer Reifenflickerei landen, ehe eine moderne Werkstatt den Ölwechsel macht. Im Internet zeigen wir ihm unsere Seite, was ihn als Journalist natürlich interessiert.
Sascha telefoniert mehrmals, dann müssen wir zum Hafen, weil er 3 Polen abholen will. Es stellt sich heraus, dass es die Kumpels von Chris sind, den wir gestern trafen. Sie zeigen uns aktuelle Bilder der Trasse nach Magadan und erzählen von tiefen Schlammkuhlen, die nicht umfahrbar sind. Völlig fertig schlagen die 3 unsere Einladung aus, wollen einfach in ein Hotel und schlafen.
Sascha und seine Freunde Sascha ist sehr effektiv, zeigt uns die Stadt und bringt uns danach zur Familie seines "Darlings" nach Tabaga, einem kleinen Dorf in der Nähe. Die Banja steht uns offen, dann gibt es Abendessen und Tee. Gabi zeigt Bilder unserer Reise und 7 Leute schauen bis 2.30 Uhr begeistert zu. Saschas Schwiegermutter fragt ob wir Macchu Picchu, die Iguacu-Fälle und den Amazonas gesehen haben - ich komm aus dem Staunen nicht heraus. Nicht mal die Unmengen Moskitos können uns diesen fantastischen Abend am anderen Ende der Welt vermiesen. Wir bekommen die Adresse einer Schwester in Magadan und fahren bei Dämmerlicht in einer Moskitowolke zurück nach Jakutsk. Bei Saschas Mutter bekommen wir wie selbstverständlich eine Couch als Nachtlager gerichtet.

Sonntag, 10. Juli 2005 Ytyk-Kjuel (Trasse Magadan)/Jakutien/Russland
(341 km/25.406 km/328 km/4.722 km) (149 m H.)
(NL99: N 62°24,424 O 133°34,257 )

Gerädert wachen wir auf - es war einfach zu warm im Haus. Wir bekommen ein leckeres Frühstück und fahren dann in Saschas Werkstatt. Dort befestigen wir mit seiner Hilfe den Auspuff mit einem starken Draht, da er schon wieder ständig am Hinterrad schleift. Er schenkt uns eine Kombizange und ein Brecheisen. Das brauchen wir auf dem Weg nach Magadan. Dann fahren wir zum Hafen.
Eine Stunde später haben wir die ungefähre Abfahrzeit eines Schiffes von Jakutsk nach Ust-Kut in 10 Tagen. Jeweils 4 Tage für Hin- und Rückfahrt, 1 Tag in Magadan und ein Reservetag, das würde genau in unseren Zeitplan passen. Sascha zerreist sich förmlich für uns, hilft uns beim Proviant kaufen und bringt uns zum Hafen. Sogar die Verwandtschaft in Magadan weiß schon von unserer Ankunft. Wir nehmen die gleiche Fähre wie gestern und verstehen die Welt nicht mehr, als uns ein Matrose sagt, die Fahrt ist ein Geschenk und kommt gut zurück nach Hause. Was sind das hier nur für Menschen?
1.826 km Ungewissheit bis Magadan beginnen mit einer verfluchten Wellblechpiste. Wir befreien einen kleinen Stier. Das Rindvieh hat sich in einem Gitter um ein Grab verfangen, während er sich über die Blumen hermachen wollte. Die Piste wird besser, trotzdem ist nun die dritte Plattfederhalterung gebrochen. In Ytyk-Kjuel nehmen wir die vermeintlich kürzere Piste, da sie die Polen auch gefahren sind. Falls dieser Weg unpassierbar sei, gibt es noch eine nördliche Alternative. Mit der Orientierung hapert es schon, da seit Jakutsk kein Wegweiser mehr zu sehen war. Nach 40 km, vorbei an wunderschönen Spiegelseen, stoppe ich mit ungutem Gefühl einen UAZ-Jeep.
Wir müssen umdrehen, dieser Weg ist nicht passierbar. Solche Verfahrer kosten zu viel Zeit, das dürfen wir uns nicht noch mal leisten. Wir folgen dem UAZ-Jeep zurück in den Ort, dort will einer der Mitfahrer Geld. Wir lassen ihn stehen, fragen 2 andere Typen nach dem weiteren Weg. Außerhalb des Ortes fahren wir in einen Seitenweg und schlafen erschöpft im warmen Auto ein Die Sonne steht noch am Himmel und noch 1.563 km bis Magadan.

Montag, 11. Juli 2005 Trasse Magadan)/Jakutien/Russland
(298 km/25.704 km/296 km/5.018 km) (498 m H.)
(NL100: N 63°02,723 O 138°08,751

Gewitter wecken uns. Wir sind vor 8 Uhr auf der Straße. 3 km knietiefer Schlamm lassen uns ein erstes Mal erschaudern. 2 Lkw stecken fest, machen das Vorbeifahren zum russischen Roulett.
Wir erreichen die Anlegestelle der Fähre über den Altan und haben ein zweites Mal Glück, sie legt gerade an. Ein UAZ-Bus mit 3 Männern wartet schon. Eine Stunde später ein zweites Schiff. Ein Sattelschlepper schafft die unbefestigte Böschung nicht alleine hoch. Ein Stahlseil reist beim Abschleppversuch - irgendwann ist er doch oben. Danach wird es ruhig am Fluss. Die Fährbesatzung macht Pause. Ich will wissen, wann es weiter geht, und klettere auf den Kahn. Ohne zu zögern werde ich zum Essen eingeladen. Der UAZ-Busfahrer gesellt sich mit einer Flasche Wodka dazu. Gegen 17 Uhr beginnt das Verladen. Wir schlafen eine Weile im Auto, dann setzt sich die Fähre in Bewegung.
Ein Kreter beginnt eine Auffahrrampe zu schieben, drückt die Rampe des Schiffes fest in den Boden und fährt dann als erster an Bord. Derweilen erklärt mir der Busfahrer den weiteren Verlauf des Weges. 400 km vor Susuman sind sehr schlecht, der Rest der Straße ist gut befahrbar. Kaum sind alle Fahrzeuge auf dem Schiff, da säuft der Busfahrer weiter. Wegen eines weiteren Lkw müssen noch mal alle kleinen Fahrzeuge vom Schiff. Um 16.45 Uhr geht's endlich los. 20 Minuten kämpft die Fähre, um vom Ufer loszukommen. Um 18.30h erreichen wir das andere Ufer. Wegen der Bezahlung schickt mich der Matrose zum Kapitän. Der meint: "Das ist schon o.k. und gute Weiterfahrt!"
Eine weitere Hürde ist genommen, wir sind aber noch lange nicht am Ziel. Wir müssen heute noch km machen, Umleitungen um Brückenbaustellen halten uns immer wieder auf. Öfter stehen wir kopfschüttelnd vor reisenden Flüssen, können dann aber doch über die Brückenbaustelle fahren. An einer dieser Brücken steckt ein blauer Lada im Fluss. Ein Ehepaar winkt von weitem. Wir bergen ihn in einer Wolke Moskitos. Die Winde knackt verdächtig laut, aber der Lada steht auf trockenem Boden.
Die beiden laden uns ohne zu zögern zu sich nach Hause ein. Der Lada heizt los, wir können kaum folgen. 30 km weiter stoppen wir vor einem großen Holzhaus. Lina tischt auf, Slawa gibt den deutschen Nachbarn Bescheid. Sascha Nr. 5, ein Semmelroggen-Verschnitt wie aus dem Bilderbuch, und seine Frau Larissa kommen vorbei. Sascha ist Meister im Danebenbenehmen. Ununterbrochen Quatschen mit vollem Mund, Sachen anbeißen und wieder zurücklegen - alles voll normal. Na dann Prost Mahlzeit. Schinken vom selbst mit nur 2 Schüssen erlegten Elch holt er aus seiner Gefriertruhe, dann verfrachtet man uns in die Wohnung seiner Eltern, die zurzeit verreist sind. Wir haben unerwarteterweise ein Appartement für diese Nacht - und noch 1.265 km bis Magadan.

Dienstag, 12. Juli 2005 Tomtor (Trasse Magadan)/Jakutsien/Russland
(314 km/26.018 km/314 km/5.332 km) (738 m H.)
(NL101: N 63°15,839 O 143°12,832 )

Slawa winkt aus dem Fenster, als wir abfahren. "Schaut auf dem Rückweg noch mal vorbei", ruft er uns hinterher. Die Straße windet sich in Serpentinen ein mächtiges Flusstal entlang. Ein Eisfeld versetzt uns in Staunen, es ist schließlich Mitte Juli. So schaffen wir auch heute keine 500 km. Dann erreichen wir besagten Abzweig, an dem die Straße schlechter werden soll. Sofort tauchen 2 Schlammkuhlen auf und ein mächtiger Strom, breiter und reißender, als der in der Westmongolei. Rechts eine eingestürzte Brücke, darauf 2 Gestalten die uns etwas zurufen. Wir sind nicht noch mal so leichtsinnig wie in der Mongolei. Die können meinen, was sie wollen - bevor nicht ein anderes Fahrzeug unserer Größe passiert, fahren wir da nicht rein. Also warten wir. Es ist brutal heiß im Auto, Fenster öffnen ist nicht, zu viele Moskitos. Bleibt der Traum Magadan weiter unerfüllt?
Wir fahren zur Kreuzung zurück, wollen im Ort fragen. Dieser ist jedoch auf der anderen Flussseite. Ich stoppe eine gewaltige Baumaschine und frage nach der Flusspassage. Die Maschine bahnt sich einen Weg durch das Gebüsch und wir folgen. Ein zweiter dieser Giganten taucht auf. Für 300 Rubel ziehen sie uns durch den Fluss, oder wir müssen warten bis der Wasserspiegel fällt.
Die erste Baumaschine taucht ein in die kalten Fluten. Die 2 m hohen Räder verschwinden völlig unter Wasser. Wie 2 Urzeitgiganten schieben sie sich den Fluss hoch und verschwinden auf der anderen Seite irgendwo im Gebüsch. Wir fahren ratlos zurück zur Straße. Magadan scheint unerreichbar geworden. Enttäuschung macht sich breit. Plötzlich stehen die beiden Männer, die uns von der Brücke winkten, vor uns. Nirgun (ein Jakute) und Hiro (ein japanischer Tourist) sind mit einem UAZ-Jeep über den Fluss, nur um uns bei der Überquerung zu helfen. Die beiden quetschen sich hinten rein, dann fahren wir westlich der Brücke in die Büsche.
Der Fluss liegt unendlich breit vor uns. Mehrere Inseln sind zu erkennen. Nirgun zeigt den Weg und es geht los. Einer ersten harmlosen Wasserrinne folgt eine gut 50 m breite Furt. Der Toyota kämpft mit all seiner Kraft gegen die Fluten und versinkt dabei immer tiefer im reisenden Fluss. Nein, das sieht nicht gut aus. Was ist los? Wir bewegen uns nicht mehr vorwärts! Der Motor ist aus, wir treiben seitlich ab, schwimmen sozusagen. Gabi schreit: "Wasser im Auto"! Die beiden anderen schweigen. Ist dies nun das Ende?
Was kann ich tun? Ich starte den Motor und er springt an. Gutes Auto! Wir fahren wieder vorwärts. Mit Vollgas erreichen wir die angestrebte Insel und stehen vorerst mal auf sicherem Grund. Wir steigen aus und Unmengen Wasser laufen aus dem Auto. Unsere beiden Mitfahrer suchen sofort den weiteren Weg. Gelegentlich ist eine Fahrspur zwischen den großen Kieseln zu erkennen. Sie führt zu dem Eisfeld, das den Fluss einige Meter westlich überzieht. Über das Eis erreichen wir die nächste Insel, brechen dabei an einer Stelle ein. Die nächste Furt ist auch nicht ohne. "Sind wir durch?" frage ich Nirgun etwas ungläubig. Der schaut mich mitleidig an und antwortet: "Das war erst der Anfang!"
Wir suchen die weitere Spur, können aber keine Spur mehr erkennen, müssen einen eigenen Weg finden. Die beiden raten mir, die wellige Passage zu nehmen, da der Fluss hier flach ist. Ich entscheide mich für die ruhige Passage, weil ich sie für ungefährlicher halte. Zum dritten Mal geht's mit Vollgas ins Wasser. Die Motorhaube verschwindet, das Wasser steigt die Scheiben hoch, spritzt übers Dach. Fische beäugen uns! … O. k., das war gelogen, aber wir sehen für einige ewig lange Sekunden nur noch Wasser. Die Jungs hatten doch recht. Zu spät, um das zu ändern. Es rummst ununterbrochen, der Turbo gibt alles. Steil entsteigen wir auch dieser Furt.
Langsam wird es eine Nervensache!. Wir stehen immer noch irgendwo in diesem verdammten Fluss und sehen kein Land. Die nächste Furt ist kein Problem, aber die Spur des UAZ haben wir immer noch nicht. Wir schwärmen aus, verfolgt von Geschwadern blutrünstiger Moskitos. Nach 2 weiteren Furten stehen wir endlich am Ufer! Ich will einfach raus. Eine Auffahrt ist in Sicht. Nirgün winkt ab, wir brauchen die Spur, sonst versinken wir im Permafrostboden und keiner kann uns dort bergen. Wir suchen die Ausfahrt, sozusagen das rettende Ufer. Die Moskitos kennen keine Gnade. Unsere Suche läuft ergebnislos. Nirgun läuft zum Dorf und folgt von dort der Spur zum Fluss und schon ist er im Wald verschwunden. Hiro und ich laufen zum Auto zurück, wo Gabi gerade mit Moskitoplage im Auto aufräumt.
Da kommt Nirgun angesprintet und hat die Flussausfahrt gefunden. 600 m östlich führt wirklich eine Spur in den Wald, wir sind durch. Nach 4 km und 2 Stunden stehen wir auf festem Grund, der Trasse nach Magadan. Stolz blicken wir auf unseren Toyota, den scheinbar nichts aufhalten kann. Der Ort entpuppt sich als Geisterstadt. Nur wenige Menschen leben hier, aber es gibt eine Werkstatt, ein Hotel und auch billigen Diesel. Während wir mit einem Schlauch 100 l in unseren Tank füllen, wird mir klar was im Fluss passiert ist. Unser Tank war restlos leer, wir sind auf dieser 220 l Luftblase aufgeschwommen. Hiros Kleinbus steht hier, der diesen Fluten nicht gewachsen war, und wartet mit Motorschaden auf einen Lkw, der ihn nach Jakutsk bringt. Ein neuer Motor ist bestellt, damit seine Reise weitergeht, die ihn im Oktober auch durch Deutschland führen wird.
Auf die Frage, warum er uns geholfen hat, antwortet er, dass er von seinem Großvater die wichtigste sibirische Verhaltensrege lernte: "Helfe anderen Menschen wo und wann du kannst, dann helfen sie auch dir, wenn du sie brauchst." Diese Weisheit beeindruckt uns wirklich, aber die Odyssee hat für heute noch kein Ende. Wir verabschieden uns von ihm und machen uns mit Nirgun auf den Weg zu seinen Großeltern nach Tomtor. Wenn der Reisegott es will, werden wir ihn in Nickersfelden als exotischsten Gast am Globetrotter-Treffen haben!
Auf dem Wewg nach Magadan Holzbrücken mit riesigen Löchern und weitere Furten sind zu passieren. Dann ein erbärmliches Quietschen aus dem Motorraum. Der Ventilator steht kurz still bei laufendem Motor. 2 km der gleiche Lärm, wir müssen den Keilriemen spannen. Ich verfluche die eh nicht funktionierende Klimaanlage, da wir sie erst ausbauen müssen, um an die Lichtmaschine zu kommen. Die Moskitos kennen auch hier keine Gnade. Sie stechen durch Hose und Hemd, die Pusteln im Gesicht werden immer mehr. Weiter geht die Fahrt, genau 1 km. Noch lautere Geräusche und Qualm steigen aus dem Motorraum. Jetzt ist uns klar, wir haben ein größeres Problem. Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir das Ersatzteil in Jakutsk bekommen. Ich klemme den Keilriemen ganz ab, da es nur noch 30 km bis Tomtor sind. Im zweiten Gang fahren wir weiter. Temperaturanzeige und Bremskraftverstärker funktionieren auch nicht mehr.
Der Fluss konnte unseren Toyota nicht stoppen, der Schaden am Motor (keine Ahnung, was kaputt ist), nun eventuell doch. Spät abends erreichen wir Tomtor, was genau in der Mitte zwischen Jakutsk und Magadan liegt. Nirguns Grosseltern nehmen uns wie 2 weitere Enkelkinder auf, servieren heißen Tee und köstliches Essen. Auch ein Bett wird gleich gerichtet. Wir fühlen uns wie zu Hause. Tomtor hat einen Flughafen, einmal die Woche landet eine kleine Maschine aus Jakutsk. Beim Einschlafen denke ich alle möglichen Lösungsvarianten durch- und noch 971 km bis Magadan.-

Mittwoch, 13. Juli 2005
(20 km/26.038 km/20 km/5.352 km) (738 m H.)(NL102 wie NL101)

Wir schlafen lange und gut nach dem harten Tag. Nirguns Großmutter hat schon Frühstück zubereitet. Ohne groß zu überlegen, fange ich mit Nirguns Hilfe an, den Toyota zu zerlegen. Einen Teil nach dem anderen bauen wir aus. Die verdammten Pferdebremsen und Moskitos machen uns auch hier das Leben zur Hölle. Wir schrauben wie in Trance. Fachmännisch werden alle Schrauben sortiert, jeder Ausbauabschnitt mit der Digitalkamera fotografiert.
ausgebautes Innenleben Die Batterien mitsamt Halterungen stehen neben dem Auto, der Kühler kurze Zeit später, dann der Ventilator und zu guter Letzt das defekte Teil. Ich kenn das Ding: So eines hat mir Siggi Burk von Allrad-Keba mitgegeben. Es ist die Wasserpumpe! Ich wühle im Staufach und habe kurze Zeit später die neue in der Hand. Ein Glücksgefühl steigt in mir auf. Wo ist die Dichtung dazu? Keine, die wir dabei haben, passt. Nirgun meint, beim UAZ-Jeep wird eine Paste zum Abdichten verwendet, also her damit.
Während er die Paste besorgt, entdecke ich eine kaputte Laufrolle. So nah liegen Sieg und Niederlage beieinander, denn das Teil haben wir nicht dabei. Gabi und Nirgun kommen mit der Dichtungspaste zurück. Nirgun beruhigt mich, das zweite kaputte Teil ist das Spannrad der Klimaanlage und hat damals in Ecuador zum Reißen des Keilriemens geführt. Langsam und bedacht bauen wir ein Teil nach dem anderen ein. Wie durch ein Wunder bleibt nichts übrig. Kühlwasser rein und Probestart. Der Toyota läuft so ruhig wie immer, wir schweben auf Wolke 7. Die Probefahrt auf dem örtlichen Flugplatz ist erfolgreich. Das Abenteuer Magadan kann weitergehen. Die wieder voll gelaufenen Scheinwerfer leeren wir auch gleich aus, dann ist es Abend.
Wir bleiben eine weitere Nacht, erfahren viel über das harte Leben in dieser Region, da Nirgun gutes Englisch spricht. Wir sind am Kältepol der nördlichen Hemisphäre. Hier in der Nähe wurde 1957 mit -71,2°C die tiefste Temperatur auf der Nordhalbkugel gemessen. 60°C unter Null sind völlig normal, man atmet Eiskristalle aus. Nur etwa 3 Stunden Tageslicht gibt es im Winter, im Sommer nur 3 Stunden Dämmerung. Ab Juni fallen Moskitos und Pferdebremsen Tag und Nacht über alle Lebewesen her. Nur Rinder und Pferde werden von den Menschen gehalten, da man für sie auch im Winter genug Heu hat. Die Häuser werden auf tiefen Pflöcken in der Erde verankert, da sie sonst im Permafrostboden versinken würden. Unter einem Gebäude ist ein Keller, in dem ohne Strom auch im Sommer 20°C unter Null herrschen. Hier wird das Fleisch aufbewahrt. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus.
Erschöpft lege ich mich eine Stunde schlafen. Nirgun heizt derweilen die Banja, die wir später wirklich genießen. Heute ist Discoabend in Tomtor, das lass ich mir nicht entgehen. Gabi bleibt, wie es sich für eine gute Frau gehört, zu Hause. Um 22 Uhr laufen wir bei Tageslicht durch den Ort. Musik ist von weitem zu hören. Ein länglicher Saal, eine Stereoanlage, eine kleine Lichtorgel und am Eingang ein alter Tisch und Stuhl als einziges Mobiliar. 10 Rubel kostet der Spaß pro Person. Die jungen Leute vergnügen sich genau wie überall auf der Welt. Alkohol gibt es nicht zu kaufen, der wird mitgebracht und in der Toilette verköstigt. Um 1.30 Uhr laufen wir im Sonnenaufgang zurück zum Haus. Nirgun weiß, das morgen um 10 Uhr ein Lkw von Tomtor aus in unsere Richtung fährt. Sollten wir Probleme auf der Strecke bekommen, wird man uns helfen. Und immer noch 971 km bis Magadan!-

Donnerstag, 14. Juli 2005 vor Kadykcan (Trasse Magadan)/Gebiet Magadan/Russland
(244 km/26.282 km/244 km/5.596 km) (754 m H.)
(NL103: N 62°59,885 O 146°52,458

Auch heute schlafen wir uns aus. Nach dem Frühstück fahren wir mit Nirgun und seinem Großvater zum Heumähen auf die Wiese. Während Oma stolz ein Stück im Toyota mitfährt, nimmt Gabi im UAZ-Jeep Platz.
Nirgun und sein Großvater 11 Uhr. Der zweite Plattfuß unserer Reise lässt uns zurückfallen. Nirgun kommt nach wenigen Minuten und hilft auch hier wie selbstverständlich. Wir fotografieren die beiden beim Sensen, verziehen uns aber wegen der Moskitos schnell, da wir auf dem Rückweg noch mal vorbeischauen. Die Straße wird mit jedem km härter. Das erste wegfüllende Schlammloch taucht auf. Wir kommen gut durch. Weitere folgen, dazu baufällige Brücken und Flussfurten jetzt im1-km-Rythmus.
14 Uhr. Wir brechen auf einer Brücke hinten rechts ein und kommen auch mit Allrad nicht frei. Gabi sagt: "Lass uns die Winde nehmen, da drüben sind Bäume!" Mit dem Seil renne ich los, verfolgt von den allgegenwärtigen Moskitos. Der sumpfige Untergrund, auf dem der Baum steht, lässt mich am Erfolg zweifeln. Die Winde zieht kurz, dann ein lauter Krach und nichts geht mehr. Sie ist, wie schon befürchtet, im Eimer. Das Seil lässt sich nicht mal mehr einziehen. Ich wickle es wie Omas Wollknäuel um den Rammschutz. Ohne unseren wichtigsten Ausrüstungsgegenstand wird die alleinige Weiterfahrt ein Risiko, das merken wir, da wir immer noch in der Brücke feststecken. Ich habe den Allrad innen nicht zugeschaltet, reine Nervensache, wir sind frei. Die Schlammkuhlen häufen sich, wie gefährliche Perlen an einer Schnur auf gereiht. Hatte nicht Chris 180 km in 12 Stunden so nebenbei erwähnt? Schlamm spritzt weit über das Dach, jedes Loch ist eine Gefahr ohne unsere Winde. Ist das der "Highway to hell", der AC/DC zu ihrem Welthit Pate stand?
18 Uhr. Der Supergau! Eines der Schlammlöcher hat 250 cm tiefe Lkw-Spuren. Wir kippen links weg und sitzen auf der Bodenwanne auf, 2m vor dem rettenden Ufer. Schlamm dringt ein, die Fußpedale sind verschwunden. Mit der Winde wären wir…- wir haben keine Winde mehr und Graben nützt auch nichts, man weiß ja gar nicht, wo. Gabi erinnert mich an die Sandbleche. Hektisch wegen der Moskitos versuche ich, die Bleche vom Dach zu schrauben. Klatsch, der Gabelschlüssel rutscht mir aus der Hand und landet irgendwo im metertiefen Schlamm. Es ist zum Verrückt werden! Auf allen Vieren wühle ich in der braunen Brühe und werde fündig. Die Bleche waren ein kleiner Funken Hoffnung, zeigen aber keinerlei Wirkung.
Wir holen unsere Imkernetze raus und überlegen, den Moskitodom aufzubauen. Wie lange werden wir auf Hilfe warten müssen? Den ganzen Tag kam uns kein Fahrzeug entgegen! Der Lkw aus Tomtor ist vor uns und weiß nichts von unserem Schicksal. Ein drittes Mal stehen wir vor dem endgültigen Aus. Essen und Trinken haben wir für einige Tage. Wenn uns kein Bär oder Tiger frisst und uns die Moskitos nicht blutleer saugen, wird uns schon jemand finden. Wir setzen uns schweigend nieder und harren der Dinge.
Mad Max 19.30 Uhr. Motorgeräusche in der Ferne, aber nicht von einem Auto, und schon gar nicht von einem Lkw. Was da um die Kurve kommt, scheint einem Endzeitfilm entsprungen! Ein selbstgebautes Dreirad mit riesigen Ballonreifen, "Mad Max" lässt grüßen. 2 verwegene Gestalten und ein Hund steigen ab und bieten ihre Hilfe an. Ein erster Versuch, uns mit dem Trike zu bergen, scheitert. Das Ding ist zu leicht und schwach. Sie fällen einen 5m Baum, hacken ein kurzes Stück davon ab und setzen ihn als Hebel am Vorderrad an. Wie Berserker arbeiten die Typen, was werden sie wohl als Entlohnung fordern bei eventuellem Erfolg? Auch der Wagenheber wird angesetzt. Dann kommen Baumstämme unter das Vorderrad. Ein kleiner Erfolg, immerhin läuft die braune Brühe aus dem Fußraum. Nun das ganze am Hinterrad. Ein längerer Baum wird gefällt, das gute Ersatzrad vom Dach geholt und als Unterbau für den Hebel verwendet.
21 Uhr. Luftblasen steigen am Hinterrad auf, das Ventil ist beim Hebeln beschädigt worden. Haben wir jetzt ein noch größeres Problem, oder gibt es keine Steigerung dazu? Wir haben für die restliche Strecke nur noch 4 ganze Räder, sollten wir hier jemals rauskommen. Ich bremse die beiden. Wir brauchen ein schweres Fahrzeug, alles andere ist Unsinn. Die Frage der beiden, wie viele Tage wir schon hier stehen, spricht Bände. Statt ein paar Rubel von mir zu nehmen, schenken sie uns 4 Salzfische. Es ist unglaublich.
22 Uhr. Andere Motorgeräusche, von einem größeren Fahrzeug sind zu hören. Ein Gas 66 taucht aus dem Wald auf, das ist der Lkw aus Tomtor, der zu unserem Glück doch hinter uns war. Wie kommt der aber jetzt an uns vorbei? Ein junger Kerl steigt aus und läuft mit einem Stock durch das Loch. So hätten wir das auch machen müssen. Dann schiebt sich der "Russische Unimog" langsam, aber problemlos, durch den Schlamm an unserem Toyota vorbei. Ich habe plötzlich großen Respekt vor der russischen Autotechnik. Unser Abschleppseil liegt schon bereit. 10 gackernde Weiber entsteigen dem Aufbau des Lkw. Es wird nicht lange gefackelt. Der Toyota läuft, der Gas 66 zieht an und das Seil fliegt in hohem Bogen durch die Luft mitsamt unserer vorderen Anhängerkupplung, glatt abgerissen. Was geht hier eigentlich vor sich, der Toyota hat sich keinen mm bewegt. Ich lege das Seil um die Stosstange, dann geben beide Autos Gas. Unser Hinterrad macht mir Sorgen, als der Toyotamotor aufheult. Irgendwie tut sich nichts von unserer Seite. Der Lkw ist stark genug und zieht uns auch allein aus dem Schlamm. Ich hatte in der Aufregung keinen Gang eingelegt, die Nerven flattern. Wir sind frei, stehen mit unserem Plattfuß auf festem Grund. Wie schon oft zuvor, habe ich jetzt wieder das Gefühl, dass unser Toyota ein Eigenleben besitzt und Fahrfehler die ich mache, zu unserem Vorteil korrigiert. Wie sieht ein Plattfuss aus, nachdem er mit Vollgas über Baumstämme und hochkant stehende Sandbleche gejagt wurde?
22.30 Uhr. Reifenwechsel - ich lege die Radmuttern auf die Schotterstraße. Der Hub des Wagenhebers ist nicht groß genug. Ich grabe unter dem Reifen ein Loch und werfe den Schotter direkt auf die Radmuttern. Wie blöd man doch unter Stress reagiert, oder haben mir die Moskitos schon das Hirn aus dem Schädel gesaugt? Gabi ist genau so zerstochen, hat aber tapfer alles gefilmt und fotografiert. Das Rad ist gewechselt, die Sandbleche liegen noch irgendwo in der Kuhle. Wir schmeißen alles ins bzw. aufs Auto, dann setzt sich der wohl merkwürdigste Konvoi auf diesem Planeten in Bewegung. Uns gebührt die Ehre, voraus zu fahren. Die nächste gewaltige Schlammkuhle lässt mich stoppen. Zurzeit fehlt mir das Vertrauen ins Auto und vor allen in meine Fahrkünste. Wir warten auf den Lkw. Wie vor unserer Bergung läuft der Junge mit dem Stock durch und gibt das o. k. für uns: Vollgas und durch! An weiteren 3 dieser Monsterlöcher das gleiche Spiel, dann kommt langsam das Vertrauen in unseren Toyota zurück. Wir sind deutlich schneller als der Lkw und das Dreirad, wollen die netten Menschen aber nicht alleine lassen. Auch dem Lkw kann mal was passieren. Irgendwann nach einem Megaschlagloch und einer Furt tauchen die Lichter der beiden anderen Fahrzeuge auch nach 15 Minuten nicht mehr auf.
24 Uhr. Wir drehen um und finden die ganze Meute gackernd an einem Lagerfeuer sitzen. Man bittet uns sofort zur fürstlich gedeckten Festtafel. Erst wechsle ich meine Klamotten, bin ja bis zur Unterhose klatschnass. Eine Flasche Wodka kreist, die Damen wissen zu feiern. Die Moskitowolke stört auch uns nur noch bedingt. "Mad Max" schenkt uns sein Moskitospray, das ich nicht abschlage. Wieder stelle ich mir die Frage, was sind das für unglaubliche Menschen? Welche Strapazen und welche Lebensfreude! Sie helfen und beschenken uns, geben uns Mut für den vor uns liegenden Weg. Weiter geht die Fahrt, das war nur eine Rast. Wir dachten zwar hier zu übernachten, aber der Lkw bedeutet Sicherheit und die wollen wir nicht einfach verschenken. Mad Max fährt voraus. Wir folgen, der GAZ 66 macht den Schluss.
Wo ist der beste Weg 2 Uhr. Eine 1 m breite und 1,50 m tiefe Querrille stellt für alle Fahrzeuge ein Problem dar. Gemeinsam graben wir einen halben Meter ab. Die Horrorstraße nimmt kein Ende, die Hindernisse häufen sich sogar noch. Zu den Schlammkuhlen und Furten gesellen sich immer öfter schwer zu befahrende Schlaglöcher und Querrillen. 4 Uhr. Ein Pkw kommt uns fahrend entgegen. Wie damals beim parkenden VW Käfer auf der BR 319, schöpfen wir auch diesmal Hoffnung. Die Straße wird tatsächlich besser, die Löcher haben feste Ränder, die Furten sind flach.
6 Uhr. Ein Kamaz-Lkw (6x6 geländebereift) steckt rückwärts tief eingesunken im Hang. Wir stoppen und warten auf den GAZ 66 kommt. Die beiden Fahrer hatten hier eine Telefonleitung zu reparieren. Beim Wendeversuch sind sie im Sumpf eingesackt. Der GAZ 66 schafft es auch nicht, den größeren Kamaz zu bergen. Die beiden Männer bedanken sich und warten geduldig weiter in einer Moskitowolke auf ihre Rettung.
7 Uhr. Völlig fertig stoppen wir in einem Seitenweg. Gabi hatte vorher schon geschlafen. Der GAZ 66 fährt um 7.23 Uhr, ohne uns zu bemerken vorbei. Der längste und härteste Tag unseres bisherigen Lebens endet mit einem kurzen, unruhigen Schlaf - und noch 707 km bis Magadan!-

Freitag, 15. Juli 2005 nach Susuman (Trasse Magadan)/Gebiet Magadan/Russland
(120 km/26.402 km/120 km/5.716 km/190 km Taxi) (693 m H.)
(NL104: N 62°50,953 O 148°22,811

9.30 Uhr - und schon ist es zu warm im Auto. Strömender Regen setzt ein, als wir uns um 11Uhr auf den Weg machen. Wir sind noch nicht durch, weitere Megaschlammkuhlen folgen. Einige stecken voller Baumstämme. Dann doch die Entwarnung: Die neue Trasse taucht auf, liegt wie eine Fata Morgana vor uns. Wir sind durch, der Horror liegt hinter uns. Wir müssen unsere Reifen flicken lassen, wollen deswegen direkt nach Susuman, der größten Stadt vor Magadan. Kaum ausgesprochen, kommen wir ins Schleudern. Plattfuß hinten links und kein Rad mehr zum wechseln. Langsam glauben wir, man hat uns mit einem Fluch belegt. Wir stoppen einen Lkw. Die Männer erzählen, die nächste Reifenflickerei ist in Susuman und damit 100 km entfernt. Ein Kleinbus stoppt bereitwillig auf mein Handzeichen.
13 Uhr. Mit 2 platten Reifen steige ich zu Sascha Nr. 6 in den UAZ-Bus, Gabi muss den Toyota bewachen. 1 Stunde später organisiert er alles in der Werkstatt und auch gleich noch ein Taxi für die Rückfahrt. Ein weiteres Mal bin ich sprachlos. Die Werkstatt jedoch ist nicht das Gelbe vom Ei. Ohne einen Schlauch können sie die Reifen nicht reparieren. Der Taxifahrer organisiert ein paar alte, mehrmals geflickte Schläuche, was Besseres ist nicht aufzutreiben, dann fahren wir zur Werkstatt zurück. Das defekte Ventil des einen Reifens interessiert den Mechaniker nicht, obwohl ich ein neues Ventil dabei habe. Wenn die Reifen mit Schlauch halten, ist es egal. Das Taxi düst zum Toyota zurück.
17 Uhr. Ich wechsle den Reifen in strömendem Regen und weiter geht die Fahrt. 10 km vor Susuman Plattfuß Nr. 4 und genau der eben reparierte Reifen. Ich verfluche den jungen Mechaniker, während ich zum zweiten Mal im strömenden Regen das Rad wechsle.
18.30 Uhr. Wir erreichen die Werkstatt, die ich ziemlich wütend betrete. Der Schlauch war nicht von ihm, deshalb hat er keine Schuld. Wir lassen die beiden platten Reifen genauso reparieren, was bleibt uns anderes übrig. Ich bin so schwach, das ich das Ersatzrad kaum mehr mit Gabis Hilfe auf das Dach bekomme. Völlig erledigt fahren wir aus der Stadt und stoppen nach einigen km in einer Kiesgrube. Und noch 600 km bis Magadan...

Samstag, 16. Juli 2005 bei Strelka (Trasse Magadan)/Gebiet Magadan/Russland
(249 km/26.651 km/246 km/5.962 km) (906 m H.)
(NL105: N 62°02,225 O 151°53,526

Die durchgefahrene Nacht steckt uns noch in den Knochen. Um 12 Uhr verlassen wir unseren Schlafplatz und kommen gerade 70 km weit, Plattfuß 5 der letzten 2 Tage stoppt unsere Fahrt. Ich verfluche den Reifenmonteur und den alten Russenschlauch. Im nächsten Ort finden wir eine urige Werkstatt, alles voll mechanisch. Ein langer Hebel und das Gewicht des Mechanikers lösen den Reifen von der Felge. Zwei Montierhebel und draußen ist der Schlauch. Wieder ist einer der alten Flicken Schuld. Vulkanisiert wird mit einer handgedrehten Presse, wobei eine Bügeleisenplatte, an die 2 Stromkabel gelötet sind, auf den Gummi zum Abdichten des Loches gepresst wird. Funken sprühen, als Strom durch die Kabel gejagt wird. Kurios wird das Ganze erst, als überall das Regenwasser von der Decke tropft. Er findet ein zweites Loch und weiter geht die Fahrt, ganze 3 km. Ein Polizist winkt uns zu anderen Autos auf einen Parkplatz. Nach 3 Stunden erfahren wir, dass eine Brücke eingestürzt ist. Ist doch was dran an dem Fluch? Wir dürfen zur Brücke fahren. Der Fluss hat Unmengen Wasser, ist an manchen Stellen über die Straße getreten. An einer Stelle hat ein Nebenfluss die neue Straße auf 5m Breite und 3m Tiefe weggerissen. Lkws und Planierraupen arbeiten auf Hochtouren. Um 19.30 Uhr ist das Loch geschlossen. Ein australischer Biker ist Richtung Jakutsk unterwegs, ignoriert uns aber dezent. Um 21 Uhr stoppen wir an einem Parkplatz, essen und schlafen. Es regnet weiter Bindfäden, die Rückfahrt wird immer unwahrscheinlicher - und noch 349 km bis Magadan. -

Sonntag, 17. Juli 2005 Magadan/Gebiet Magadan/Russland
(369 km/27.020 km/216 km/6.178 km) (67 m H.)
(NL106: N 59°33,019 O 150°50,467 )

Es regnet die ganze Nacht und auch am Morgen. Um 9.30 Uhr sind wir abfahrbereit. Schaffen wir es heute bis zum Endziel, oder hält der Fluch an? Die Straße läuft gut, doch dann stottert der Motor. Wir füllen beide Reservekanister um. Es sind noch 240 km bis Magadan. Der Motor stottert wieder. Dieselfilterwechsel. 220 km bis Magadan. Wir sind am Ziel - Magadan Es klappert auf dem Dach, die Schrauben des Dachgepäckträgers sind locker und wir können es nicht fassen: Der Toyota springt nicht mehr an! Ist der in Brasilien reparierte Anlasser im Eimer? Wir stoppen einen Kleinbus, der uns nicht helfen kann. Ein Kamaz-Sattelschlepper zieht uns an. 180 km bis Magadan. Was kann eigentlich noch passieren? Nichts, nur Sascha Nr. 7, der ausnahmsweise Andrè heißt und den Kamaz-Sattelschlepper fährt, stoppt uns vor der Stadt. Wir sollen Lichter und Kfz-Kennzeichen putzen sonst gibt es Ärger mit der Polizei. Noch 50 km bis Magadan. 16.17 Uhr. Der Höllenritt ist zu Ende: Nach 26.997 km stehen wir am Ende der Welt, dem Ortsschild der Stadt Magadan. Unser Traum hat sich nach hartem Kampf und schweren Verlusten doch verwirklicht. Jetzt müssen wir nur noch nach Hause kommen!