Eurasien Teil 5

Freitag, 3. Juni 2005 (413 km/16.662 km/0 km/959 km) (797 m H.)
(NL62: N 4526,543 O 7959,349 Amaly/Kasachstan)

Beim Frühstück am Fluss beobachten wir homosexuelle Kühe! Gibt's das wirklich? In Kasachstan schon. Nach einmal fragen sind wir im richtigen Dorf Intumak. Valentina Saltovskaja finden wir schnell. Wir zeigen Bilder von Familie Spasov und werden zum Tee ins Haus gebeten. Valentina ist Johanns Spasovs Schwester. Im Fotoalbum entdecken wir Bilder von unserem Haus. Nach ein paar Fotos verabschieden wir uns.
In Kapschagai tauschen wir Geld und verschicken die Pflichtpost. Dann erreichen wir Sarkand, den Ort, wo man mich seit September 2000 unter dem Namen "Der Mann, der nur kleine Gläser trinkt" kennt. Bei meinen Mechanikerfreunden wollen wir die Blattfederhalterung und das Dach reparieren lassen. Die Werkstatt meines Bekannten am Ortseingang von Amaly (ein Ort weiter), finden wir schnell. Sie ist um 20.45 Uhr zu. Wir schlafen um die Ecke am Sportplatz, um Morgen bald dort vorbei zu schauen.

Samstag, 4. Juni 2005 (15 km/16.677 km/3 km/962 km) (802 m H.)
(NL63: N 4526,533 O 7959,465 Amaly/Kasachstan)

Um 8 Uhr stehen wir an der Werkstatt, aber kein Gesicht ist mir bekannt. Einer hat doch Ähnlichkeit mit dem Chef, könnte sein Sohn sein. Es ist der Bruder und kennt mich vom Bild, das ich vor 3 Jahren geschickt hatte. Er ruft seinen Bruder an, welcher 10 Minuten später da ist. Die Blattfederhalterung wird sofort geschweißt, das Klappern des Daches wird durch Versetzen und Höherlegen des vorderen Ersatzrades auch abgestellt. Geld nehmen sie nicht, dafür fahren wir zur Schule wegen eines Dolmetschers. Einer der Lehrer lädt uns zu sich ein, will gleich ein Schaf schlachten.
Während der Probefahrt stoppt uns der Bürgermeister von Sarkand und lädt uns zu sich nach Hause ein. Seine Frau ist Deutschlehrerin und hatte uns an der Schule gesehen. Wir gehen erst mit zum Lehrer, welcher stolzer Spartakiade-Medalliengewinner war. Um 14 Uhr holt uns der Bürgermeister an unserem Schlafplatz ab. Zum Tee wird eine Flasche Kognak aufgetischt. Ich erinnere mich zurück an 2000, die erste Begegnung mit dem General im russischen Altai. Sabien hat eine ähnliche Statur und kann einige Gläser kippen. Meine Trinkfestigkeit wird unter Beweis gestellt. Nach einer großen Platte Schaffleisch auf Nudeln folgt eine Einladung zu einer Hochzeit. Die Badewanne ist der kalte Fluss neben dem Haus. Untertauchen, einseifen, untertauchen, fertig.
in Sarkant Mit seinem Lada Jeep brettern wir zur Hochzeit und werden dort als Weltreisende vorgestellt. 150 Leute in der riesigen Halle beklatschen unsere Anwesenheit. Essen ohne Ende, Kognak trinken mit glaube ich jedem Mann, lässt mich Böses ahnen. Beim Walzertanz mit einer Deutschlehrerin werden wir zweite im Tanzwettbewerb. Sie nennt mich John Travolta. Ich kann doch gar nicht tanzen! Gabi sorgt mit ihrem 1,50 cm großen, 60 jährigen Tanzpartner für allgemeinen Aufruhr im Saal. Die Sängerin stimmt ein deutsches Lied an, ich gröle mit ins Mikrofon. 2 Jungfrauen (1,87 cm 50 kg, 1,55 cm 85 kg) stehen zur Auswahl, ich bleib doch bei Gabi. Der Kognak zeigt Wirkung, ich bin überall im Saal, tanze völlig aus der Reihe. Um 22 Uhr geht es nach Hause. Sabien rast wie der Teufel, unterhält sich mit uns, fuchtelt mit beiden Händen hinten herum! Wer fährt eigentlich das Auto? Der Abend ist nicht zu Ende. Verwandte aus Taldykurgan sind auf Besuch. Mit 3 Damen hebe ich noch mehrere Wodkas. Sabien will ohne Frauen zurück aufs Fest, ich schleife mich jedoch zu Gabi ins Auto. Schädeldröhnen scheint vorgeplant.

Sonntag, 5. Juni 2005 (49 km/16.726 km/7 km/969 km) (665 m H.) (NL64: N 4541,414 O 8018,143 nördlich Almaly/Kasachstan)

Katerstimmung den ganzen Tag. "Rudi kaputt, Sabien kaputt", der Bürgermeister trifft es auf den Kopf. Um 17 Uhr verlassen wir die nette Familie. Traurige Gesichter blicken uns nach. In der Werkstatt ein weiterer Abschied. Dann verlassen wir Amaly, auf unbestimmte Zeit. Wegen meiner Fahne suchen wir gleich einen Schlafplatz. Wir suchen auf einen Berg und landen in einem malerischen Flusstal. Wir nutzen die Helligkeit um einige Sachen zu reparieren und schlafen im Moskitodom.

Montag, 6. Juni 2005 (471 km/17.197 km/24 km/993 km) (741 m H.)
(NL65: N 4804,509 O 8025,943 nach Ayagoz/Kasachstan)

Gabi holt hier das Vollbad im Fluss nach. Ein Wolf rennt über die Straße. Leider verlieren wir ihn im Gelände. Wir fahren den Abzweig zum Alakol-See ohne zu wissen, ob wir dürfen. Für Grenzgebiete braucht man spezielle Genehmigungen. Panzer und Militär-Lkw geben uns zu denken. Die letzten 5 km geht's durch mehrere Furten. Auch hier liegt der Müll der letzten 100 Jahre. Nun haben wir nur noch ein Ziel, die russische Grenze. Fisch vom Straßenhändler wird unser Abendessen.
Dann die Kontrolle des Tages. Strafe weil das Auto staubig ist. Gabi, meine Heldin, reist dem verdutzten Polizistenschwein meinen Führerschein aus der Hand und geht zum Auto. Die Beamten fluchen das Blaue vom Himmel, lassen uns dann aber ohne Geld fahren. Bei Ayagoz fahren wir in einen Seitenweg und landen in der örtlichen Müllhalde. Wir bleiben trotzdem und verspeisen den Fisch. Winzige Sandfliegen, die durch das Moskitonetz schlüpfen, ärgern uns die ganze Nacht.

Dienstag, 7. Juni 2005 (374 km/17.571 km/1 km/994 km) (280 m H.)
(NL66: N 5035,133 O 8020,740 nach Semipalatinsk/Kasachstan)

Die kleinen Blutsauger vertreiben uns aus dem Schuttplatz. Die Straße ist grottenschlecht. In Semipalatinsk tanken und kaufen wir ein. In einem Kreisverkehr stoppt uns ein freundlicher Polizist, der uns den Weg zur Telecom erklärt. Wir halten am Ufer des Irtysch und waschen das Auto. Im Internet regeln wir einiges, dann waschen wir uns im Fluss. Die Öse der Heckklappe ist abgebrochen. Eine Werkstatt schweißt es kostenlos. Dann fahren wir Richtung Barnaul und schlafen in einem Wald außerhalb der Stadt.

Mittwoch, 8. Juni 2005 (457 km/18.028 km/0 km/994 km) (191 m H.)
(NL67: N 5320,346 O 8345,624 Barnaul/Altai-Gebiet/Russland)

Hummeln, Schmetterlinge, Käfer, Ameisen und Spinnen, alle finden beim Frühstück gefallen an meinen Füßen. Um 10 Uhr erreichen wir die Grenze. Der Zoll schaut genau ins Auto, dann lässt man uns stehen. Eine Frau, einem Aasgeier sehr ähnlich, fordert frech von uns beiseite zu fahren. Nicht mit uns du Gestalt, wir waren zuerst da. 2 Stunden brauchen die Russen, das ist ja normal. Gabi fährt dann ein großes Stück.
beim General Um 17 Uhr erreichen wir Barnaul. Das Haus des Generals finden wir mit unserem GPS, aber Maria und Sascha wohnen nicht mehr hier. Marina, eine Mieterin hilft wo sie nur kann. Letztendlich habe ich Maria am Telefon und sie holt uns ab. Um 23 Uhr erreichen wir die neue Wohnung. Der Toyota steht auf einem bewachten Parkplatz. Maria macht essen, Sascha packt die Wodkaflaschen aus. Gabi mahnt mich: "Trink nicht wieder so viel." Das Ergebnis steht früh neben ihrem Bett, in Form einer voll gereiherten Blumenvase.





Donnerstag, 9. Juni 2005 (11 km/18.039 km/0 km/994 km) (191 m H.) (NL68 wie NL67)

Maria und Sascha gehen arbeiten, wir schlafen unseren Rausch aus. Gabi schaut noch am Nachmittag dumm aus der Wäsche. Das nächste Mal muss ich wohl mahnen. Conrad Coester ruft an, fragt ob alles in Ordnung ist. Mir fällt der Simmerring am rechten Vorderrad ein. Conrad klärt alles bei Allrad-Keba und ruft zurück. Maria fährt mit zur Werkstatt und 2 Stunden später ist die Reparatur beendet.
Der General hat seinen Kollegen an der mongolischen Grenze unsere Ankunft mitgeteilt. Wir müssen morgen um 16 Uhr in Kosh Agach sein. Wieder ein Problem gelöst, nur ist die Riesenstrecke auch in der Zeit zu schaffen? Ich mache den längst überfälligen Bericht 4 fertig, kann ihn aber nicht mehr verschicken. Nach Mitternacht gehe ich ins Bett, finde aber keinen Schlaf.

Freitag, 10. Juni 2005 (711 km/18.750 km/2 km/996 km) (1.755 m H.)
(NL69: N 4959,911 O 8839,412 Kosh Agach/Altai-Gebiet/Russland)

Maria weckt uns um 4 Uhr und zeigt uns später den Weg aus der Stadt. Wir fahren im Sonnenaufgang dem geheimnisvollen Altai entgegen. Um 8.45 Uhr erreichen wir Gorno Altaisk. Bei der Internetsuche landen wir zuerst in einem Hochsicherheitstrakt. Im 2. Anlauf haben wir Erfolg. Vait Scholz hat Infos für uns, die mich beunruhigen. Der Grenzübergang Tashanta hat nur Mo - Fr von 8 Uhr - 17 Uhr geöffnet. Deshalb also müssen wir bis 16 Uhr in Kosh Agach sein. Das ist nicht zu schaffen. Diesel ist in der Mongolei teurer und schlechter. Also tauschen wir Geld und tanken voll. Den Reisebericht 4 werde ich auch noch los.
Nun beginnt ein Rennen gegen die Zeit, ohne Aussicht auf Erfolg. Die fantastische Landschaft des Altai fliegt an uns vorbei. Schmetterlinge bombardieren unsere Windschutzscheibe. Trotz strahlendem Sonnenschein läuft der Scheibenwischer. Für gerade mal 5 Fotos nehmen wir uns Zeit. Um 16.45 Uhr erreichen wir Kosh Agach und fragen nach unserem Kontaktmann. Der ist schon weg, dafür erscheint Sascha Tscherneschowe. Die Grenze ist zu, mir schwant Schlimmes. 2 Tage warten, keine Registrierung, Stress, Probleme bei der Ausreise. Dann doch Entwarnung, morgen um 9 Uhr können wir passieren. Er nimmt uns mit zu sich nach Hause, heizt die Banja, seine Frau Marina kocht Pelmeni. Gabi zeigt Bilder und hat begeisterte Zuschauer. Man richtet uns ein Bett für die Nacht.

Samstag, 11. Juni 2005 (215 km/18.965 km/139 km/1.135 km) (2.043 m H.)
(NL70: N 4957,575 O 9031,792 irgendwo im Nirgendwo/Mongolei)

Die Katze hat sich zu uns gesellt. Töchterchen kocht leckeren Fisch, dann müssen wir los. Als Dankeschön schenke ich Sascha ein Taschenmesser, worauf er sich mit einem Dolch mit Holzscheide revanchiert. Gemeinsam fahren wir zum Grenzübergang Tashanta. Dort regelt er das Wichtigste. Zum Abschied schenken sie uns eine Flasche Wodka und Orangen. Jetzt sind wir endgültig beschämt.
An der Russengrenzabfertigung nichts Ungewöhnliches. Im Niemandsland ein Schlagbaum, dahinter ein LKW, daneben eine Menschenansammlung. Einer fragt, wir denken er will 5 km mitfahren und nicken, da stürmen 20 Mongolen mit Säcken und Taschen auf unseren Toyota zu. Zentralverriegelung rein und nichts wie ab. Durch Schlammlöcher und Müll kämpfen wir uns zur mongolischen Grenzabfertigung. Überwiegend Frauen machen Dienst, eine spricht sogar englisch. Ohne Probleme können wir einreisen. Die Nordroute ist schwer befahrbar, die Südroute gut. Dann das rot weiße Stahlgeländer. Ich schweife in Gedanken 5 Jahre zurück:
Damals kam ich mit dem Landcruiser HJ 60 aus der Mongolei und fuhr nach Russland. 2 Radler lehnten am Geländer und stoppten mich. Sabine Staudigel aus Bamberg und Andreas Wever aus Betzdorf. "Wo willst du denn hin?" fragte Andreas. Ich antwortete: "Nach Hause, Bad Kissingen in Deutschland!" "Und wie willst du das schaffen?" fragte Andreas. "Die Russen lassen hier doch keine Touristen einreisen, wir stehen hier schon 4 Tage herum und kommen nicht weiter!" Ich antwortete: "Jetzt weis ich was du meinst, ich habe spezielle Papiere der mongolischen und russischen Regierung dabei, damit kann ich passieren." "Ach dann bist du der Konsul, auf den hier alle warten", schoss es aus Sabines und Andreas Mund gleichzeitig heraus. Ich hatte tatsächlich die ersten 4 Tage meiner damaligen Rückreise 2 Begleiter dabei, einen deutschen Konsul und seine mongolische Haushälterin. Die zu verschiedenen Ansichten machten eine gemeinsame Rückfahrt nicht möglich. Wir hatten uns damals in Ölgy getrennt. Sabine und vor allem Andreas treffe ich immer wieder. Er ist seit einem Jahr auch Mitglied in der DZG. Beide nennen mich seit diesem Zeitpunkt "Konsul".
Das Pistenchaos hatte schon am russischen Schlagbaum begonnen. Einige km hinter der Grenze ein mongolischer Schlagbaum, aus allem nur erdenklichen zusammengeschweißt. Im Häuschen kein Mensch. Ein Zivilist taucht auf, registriert uns und fordert 10 US$. Vait Scholz hatte uns vor diesen Halunken gewarnt. Ich bezahle nichts, gebe ich klar zu verstehen. Er schreibt 5 US$ auf ein Papier. Ich packe meinen Pass und steige in den Toyota. Eine Minute später geht die Schranke auf. Gibt es hier auch schon solche Halunken. Wir suchen die Piste nach Ulangom, erschrecken wegen der riesigen Moskitos und verfahren uns gleich mal. Ist ja auch kein Wunder bei dem Pistengewirr ohne Wegweiser. Dann sind wir richtig und stehen vor einer großen mehrarmigen Furt. Leichtsinnig fahre ich ohne Allrad hinein und komme nur dank des sehr guten Profils durch. Wir sind gewarnt. Ein weiterer Fluss mit mehreren Furten stellt auch kein Problem dar. Was wird noch kommen. Diese Nordroute hat einen schlechten Ruf. Ein wunderschönes Tal folgt. Klappern ist auf dem Dach zu hören. Ein Querträger des vorderen Reserverades ist glatt durchgebrochen. Wir packen das vordere Rad mit Spanngurten auf das Hintere und unser Toyota ähnelt einem U-Boot. Mongolen ziehen in ihr Sommerlager mit Lkws, Traktoren und Ochsenkarren um. Eine weite Ebene liegt vor uns, die Piste teilt sich in tausend Arme. Ein breiter reißender Strom versperrt uns den Weg. Der ist nicht befahrbar, da sind wir uns einig. Wir drehen ab. 3 Reiter zeigen uns den Weg aus diesem Labyrinth von Flussarmen, Büschen und Hügeln. 2 km weiter die richtige Furt. Laut Karte müssen wir diesen Fluss überqueren. 3 Arme sind leicht zu fahren, der Hauptstrom fließt extrem schnell und hat Unmengen Wasser. Das hat keinen Sinn, wir drehen um, wollen einen anderen Weg suchen. Wir fahren durch Büsche, Schlammkuhlen und kleine Bäche. Es hat keinen Sinn, da geht nichts. Wir finden mehr zufällig eine Kultstätte. Um einen mächtigen Felsen hat man etliche Megalithen aufgestellt. Ein Mongole mit Sohn und Schaf auf dem Motorrad fragt, ob er uns helfen kann. Er kennt den Weg nach Ulangom und auch die Stelle, an welcher der Fluss passierbar ist. Erst wird das Schaf zum Schlachter gebracht, dann zeigt er uns die Flusspassage. Wir stehen zum zweiten Mal vor dieser gewaltigen Furt. Mit eurem Auto schafft ihr das. Also gut, denke ich, wenn es die Anwohner nicht wissen, wer dann. Wir fahren bis zum Hauptarm, stehen wie vor einer Stunde auf dieser Flussinsel und haben wieder Angst vor dieser 30 m breiten reisenden Furt. Wo ist die Fahrspur, keine Ahnung. Reinlaufen ins eiskalte Wasser viel zu gefährlich. Der Mongole zeigt weiterfahren. Ich will umdrehen und bin mitten im Fluss. Was ist passiert, keine Zeit zum Nachdenken. Der Toyota kippt nach rechts ab. Reißt ihn die gewaltige Strömung gleich um? Nein, er senkt sich auch links. Die Motorhaube verschwindet unter Wasser. Oh Gott was habe ich gemacht. Bleifuß, was sonst kann helfen, der Motor darf nicht absterben. Da kommt eine Sandbank ohne Auffahrt. Rechts lenken und er befolgt meine Befehle. Wir fahren mit der Strömung und nach der Sandbank links, wie ein U-Boot, nur der Turm schaut aus dem Wasser. Gas geben, Vollgas, ich denke an nichts anderes. Das Ufer kommt in Sicht, die Motorhaube entsteigt den Fluten, wir stehen auf festem Grund.
Verdammt, das war knapp. Dutzende Liter Wasser laufen aus Türen und Motorraum, der Motor schnurrt wie immer. Auch der Schnorchel hat sich damit bezahlt gemacht. Wir sind stolz auf unseren tapferen Gefährten. Gabi rügt mich trotzdem. Ich hatte nicht gedacht, dass du da rein fährst, deine Mutter wäre an meiner Stelle gestorben. Ich hatte wohl einen kurzen Blackout. Einige kleinere Furten folgen, dann erreichen wir eine Anhöhe. Bei einem Stopp entdeckt Gabi Wasser in allen 4 Scheinwerfern. Wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen neben der Piste. Während ich die Scheinwerfer ausbaue kocht Gabi. Dann kippen wir einen Wodka-Cola auf den glücklich überstandenen Tag.

Sonntag, 12. Juni 2005 (188 km/19.153 km/151 km/1.286 km) (774 m H.)
(NL71: N 5003,858 O 9224,812 Uvs Nuur (Uvs See)/Mongolei)

Ein Owoo (Schamanisches Heiligtum der Mongolen) lässt uns stoppen. Wir opfern leere Bierflaschen und bitten wie die Mongolen um gute Weiterreise. Der Üüreg Nuur (See) kommt in Sicht. An einem Brunnen schenkt man uns Käse, hart wie Stein. Dann ein Pass, danach Teerstraße, wir haben Ulaangom erreicht. Ein Schweißer direkt an der Straße unterbricht seine Arbeit und repariert unseren Dachgepäckträger. Wir verlassen die Stadt nach Osten. Bis Ulan Bator nur noch 1.500 km Piste.
Den größten See der Mongolei wollen wir aber auch sehen, den Uvs Nuur (6 mal größer als der Bodensee und 4-mal mal salzhaltiger als das Meer). Wir stoppen an einer Jurte um den weiteren Weg zu erfragen. Unglaubliche 45 km soll er noch weg sein. Wir bekommen Salztee, Käse und Brot vorgesetzt. Als wir unsere Kameras zücken bricht Aufregung aus. Mongolen lassen sich gerne fotografieren. Kinder und Opa liegen schlafend zwischen den Bauteilen der 2. noch nicht fertig aufgestellten Jurte. Beim Erwähnen unserer Namen meint der eine: "Ah, Rudolf Hitler". Es wird ja immer toller. Zum Abschied schenken wir 3 Rollen Brausetablette, erklären wie es funktioniert und bei Abfahrt winken uns 7 Mongolen mit Schaum vor dem Mund hinterher. Wir verirren uns in einem Pistegewirr. Der See bleibt verborgen. Dann ein blauer Streifen am Horizont. Wir fahren bis 8.30 Uhr und geben auf. Zwei Reiter stoppen neben dem Auto. Der See ist nur 2 km entfernt. Also werden wir morgen hinfahren.

Montag, 13. Juni 2005 (7 km/19.160 km/7 km/1,293 km) (758 m H.) (NL72: N 5004,544 O 9223,694 Jurte am Uvs Nuur/Mongolei)

In einer Moskitowolke fahren wir um 8 Uhr zum Ufer. Ein paar Fotos und weg von hier. In derselben Spur bricht der Toyota hinten rechts ein und wir stecken fest. Mit Allrad sinken wir noch weiter ein. Kein Baum, kein großer Stein oder ein anderes Fahrzeug in der Nähe. Wir graben um die Räder frei. 30 Minuten später der 2. Befreiungsversuch. Nichts, wir stecken noch tiefer, sind im Sumpf des Seeufers gefangen. Aufgeben gilt n icht. Wir graben weiter, versuchen es mit Sandblechen, Bohle und Wagenheber. 3. Versuch, der Toyota kippt weiter nach rechts. Es nützt nichts, wir müssen den kompletten Unterboden frei graben. Hölle am Uvs Nuur Gabi schnappt sich den kleinen Spaten und kniet sich auf eine Plastiktüte. Später liegt sie der Länge nach im Schlamm unter dem Auto und schaufelt wie in Trance. Ich buckele auf der anderen Seite. Die Stunden verrennen, zum Glück ist es nicht so heiß. Wir haben beide Blasen an den Händen, aber ich bin sicher, jetzt kommen wir frei. Um14 Uhr der 5. Versuch. Nichts, das gegrabene Loch füllt sich langsam mit Wasser. Unsere Laune sinkt auf Null, Hoffnungslosigkeit macht sich breit.
Ohne anderes Fahrzeug haben wir keine Chance. Wo eins herbekommen? Wir stehen irgendwo im Nirgendwo. Gabi entdeckt ein Fahrzeug am Horizont! Ist es eine Fata Morgana, ich sprinte los. Der Weg ist weit und beschwerlich. Hoffentlich fahren sie mir nicht vor der Nase weg. Wie ein Verdurstender winke ich hoffnungsvoll in die Richtung unserer vermeintlichen Retter. Keine Reaktion von dort, sie verladen ihre Jurte. Am Ende meiner Kräfte erreiche ich den Lkw. Mit Händen und Füßen erkläre ich, was passiert ist. Sie haben weder Zeit, noch Benzin und verweisen mich an die Jurte mit Lkw am Horizont. Weiter geht meine Odyssee durch die Steppe am Uvs Nuur. Mit halbem Sonnenstich erreiche ich die Jurte. 2 knurrende Hunde kommen auf mich zu, dann eine Frau mit 2 kleinen Buben. Die Frau scheint zu wissen was los ist, scheinbar wissen alle Nomaden, dass wir hier sind. Ihr Mann ist bei de Herde, irgendwo draußen in der Steppe. Sie gibt mir Milch mit Käse zu trinken. Gierig schlürfe ich 2 Schüsseln leer. Wir klettern auf den Lkw und blicken in die Ferne. Irgendwo am Horizont reiten 2 Männer, dort soll ich hinlaufen. Kraftlos schleppe ich mich in Richtung der Reiter. Wieder ist der Weg weiter als geglaubt. Ein Sumpf versperrt mir den Weg. Dann erreiche ich einen Reiter. Dieser schickt mich zum nächsten und endlich scheine ich am Ziel. Er ist der Besitzer des Lkw und zeigt Hilfsbereitschaft.
Ich laufe neben ihm her. Er aber schlägt die Richtung Seeufer ein, nicht zum rettenden Lkw. Ein weiterer Reiter taucht auf. Man bittet mich hinten auf ein Pferd. Mit letzten Kräften hangele ich mich nach oben und klammer mich an einer Öse des Sattels fest. Ein Höllenritt ohne Sattel beginnt. Zu den Blasen an Händen und Füssen gesellen sich welche am Hinterteil. Wir reiten ewig, wo ist Gabi und der Toyota? Die Reiter fragen mehrmals ungläubig. Ich habe keine Ahnung, hoffe auf ein baldiges Ende der Qualen. Moskitoschwärme machen mir das Leben restlos zur Hölle. Endlich, ein weißer Fleck am Horizont. Gabi sitzt passend zu unserer Ankunft in Unterwäsche im Auto. Die Mongolen schaufeln die Reifen frei, Sandbleche, Wagenheber. Das hatten wir doch alles schon. Dann graben sie die Bohle ein, welche einer der beiden sitzend sichert, Windenseil dran, ein Pferd ans Abschleppseil, dann folgt der sechste Bergungsversuch. Die Vorderräder greifen nicht auf den Blechen, Mongole mitsamt Bohle rutscht langsam auf dem Hosenboden durch die Steppe und das Pferd macht Männchen.
Endlich kommt der Lkw, dann ein Traktor ins Gespräch, da wir ihnen nur Diesel geben können (Russen-Lkws fahren mit Benzin). Sie haben Angst selbst zu versinken. Das Windenseil reicht 30 m aus, der Schleppgurt ist 10 m lang, es reicht nicht auf festen Grund. Um 16.30 Uhr reiten sie los, verschwinden langsam am Horizont. Gabi hatte die Zeit meiner Abwesenheit mit baden und Klamotten waschen genutzt. Jetzt schickt sie mich zum See. Mein Blasen übersäter Körper schmerzt überall. Das Warten beginnt, man sagt den Mongolen nach, nicht sehr zuverlässig zu sein. Wo sie den Traktor holen wollen, keine Ahnung. Um 18.30 Uhr fährt ein Lkw am Horizont von Ost nach West und dreht auf uns zu. Hoffnung keimt für Sekunden auf, dann dreht er nach Westen ab. Die Laune sinkt auf den Nullpunkt. Halt, er schwenkt wieder auf uns zu, ja wir sind sicher, unsere Retter nahen. 50 m im rechten Winkel zum Toyota stoppt sie den Sil-Lkw. Sie haben ein 10 m langes Stahlseil mitgebracht, verknoten es mit unserem Schleppgurt, welcher am Windenseil hängt.
Es ist soweit, die Winde zieht an und hackt sich aus. Beim dritten Versuch entreißt sie den Toyota mit unbändiger Kraft dem Todessschlund am Uvs Nuur, der ihn zu verschlingen droht. Wir sind frei, können es kaum glauben. Die Mongolen mit ihrem alten Lkw und unsere Winde haben uns gerettet.
Es folgt eine Einladung in ihre Jurte. Wir bekommen Tee und Essen, dann helfen wir die Herde zusammen zutreiben. Wir stellen unser Zelt neben die Jurte, welches eine magische Anziehungskraft auf die neugierigen Ziegen hat. Wir müssen unsere Behausung regelrecht verteidigen. Mit Jonto, dem jungen Familienoberhaupt, kommt eine interessante Unterhaltung mit Block und Stift zu Stande. Wir trinken die Flasche Wodka aus dem Altai und machen viele Bilder, bevor wir nach Mitternacht schlafen gehen.

Dienstag, 14. Juni 2005 (297 km/19.457 km/291 km/1.584 km) (1.439 m H.)
(NL73: N 4901,279 O 9436,352 östlich Khyargas Nuur/Mongolei)

Um 6 Uhr belagern die Ziegen unser Zelt. Parallelen zu Surinam kommen auf. Damals war Puma, die kleine Katze der Schrecken am Morgen. Wir packen eilig zusammen, bevor diese Allesfresser unser Zelt verspeisen. Das Frühstück ist gerichtet. Um 10 Uhr verabschieden wir uns, lassen wie üblich ein paar Geschenke da, welche die Frau bezahlen will. Beschämt lehnen wir ab und bekommen Käse mit auf den Weg, den wir dankend annehmen. Zurück in Ulaangom tauscht uns keine Bank Euro. Die geforderte Maut bezahlen wir aus diesem Grund schon nicht.
Ein großer See taucht. Erst jetzt merken wir, dass wir von unserer geplanten Route abgekommen sind. Ein Fotostopp wird uns fast zum nächsten Verhängnis. Ein lauter Rums beim Anfahren und wir haben einen tiefen Graben an einem steilen Abhang zwischen rechtem Vorder- und Hinterrad. Gabi lotst mich vorsichtig vom Loch weg. Nach 300 km stoppen wir an einer Felsformation und erholen uns von den letzten beiden Tagen. Die Blasen brennen immer noch höllisch.

Mittwoch, 15. Juni 2005 (307 km/19.764 km/307 km/1.891 km) (1.734 m H.)
(NL74: N 4844,053 O 9824,032 nach Tosonchengel/Mongolei)

Der Tag beginnt mit Reifenwechsel, ein schleichender Plattfuß durch einen Nagel. Dann fahren wir auf guter Piste am Telten Nuur vorbei und finden den ersten Wegweiser in der Mongolei. Dieser ist völlig verdreht und verwirrt uns mehr als er hilft. 2 Straßenkreuzungen, als solche kaum zu erkennen, lassen uns ein bisschen schmunzeln.
Gräberfelder am Wegesrand finden unsere Aufmerksamkeit. Dann ein regelrechter Schilderwald, Engpass, Geschwindigkeitsbegrenzung und Vorfahrtsstraße. Alles wegen einer kleinen Brücke über ein wasserloses Flüsschen. Der Motor stottert nach südamerikanischer Manier. Nach 25.000 km ist der Vorfilter zu. Ich reinige den Wasserabscheider und den Luftfilter gleich mit und der Motor läuft wieder gut.
Nach Tosonchengel fahren wir in ein Seitental. Gabi zaubert aus Ketchup und Sesamöl aus Korea, einer Zwiebel aus dem Altai, gekörnte Brühe, Pfeffer und Ingwer aus Deutschland, Wasser aus Armenien, Yak-Käse aus der mongolischen Jurte eine leckere Suppe. Noch knapp 700 km bis Ulan Bator.

Donnerstag, 16. Juni 2005 (240 km/20.004 km/240 km/2.131 km) (1.990 m H.)
(NL75: N 4758,909 O 10027,997 nach Tsagaan Nuur NP/Mongolei)

Wir trödeln herum. Die Dachstrebe klappert seit dem Schweißen. Ich hänge das Ersatzrad eine Schraubenbreite höher und das Geräusch ist weg. Eine beschissene Piste lässt uns nicht vorankommen. Gabi entdeckt eine Megalithenreihe mit Grab und Opferstein. Eine neue Piste folgt, wir fahren stellenweiße 80 km/h. Den Solongotyn-Pass säumen Blumenwiesen. Oben auf der Passhöhe ein mächtiger Owoo. Wir stoppen, da ich müde bin. Ein Gewitter mit Hagelsturm zieht vorbei.
Der Tsagaan Nuur (weißer See) kommt in Sicht. An seinem Nordufer sind wir vor 4 Jahren gewesen. Das Wetter wird besser und der See zeigt sich in seiner ganzen Schönheit. Fotostopps halten uns auf, eine schlechte Piste folgt. Wir schaffen die vorgenommenen 300 km nicht. Morgen ist auch noch ein Tag. Wir klettern einen Berghang hoch und bestaunen den schönsten Sonnenuntergang von Etappe 3. Wir haben heute die 100- und 20.000 km-Grenze überschritten. Unsere Lebensmittel werden langsam knapp.

Freitag, 17. Juni 2005 (144 km/20.148 km/122 km/2.253 km) (1.584 m H.)
(NL76: N 4726,514 O 10153,196 nach Tsetserleg/Mongolei)

Hungrig fahren wir los. In Tsetserleg gibt es Banken und vielleicht ein Internet. Weit kommen wir nicht, da begegnen uns 2 merkwürdige Fahrobjekte mitten in der Steppe. Wir staunen nicht schlecht, als ein junges Pärchen auf 2 "Liegerädern" (ich hab keine Ahnung wie man die Dinger nennt) mit Anhängern an uns vorbei fahren. Es ist Ariane aus Deutschland und Xavier aus Frankreich auf dem Weg nach Hause. Ein Jahr haben sie Zeit und wollen uns auf dem Rückweg in Deutschland besuchen. Mein Fahrversuch endet kläglich. Bevor ich auf der Schnauze liege, steige ich ab. Unsere Wege trennen sich, in entgegen gesetzten Richtungen fahren wir auseinander.
Vor Tsetserleg dann Polizei und 500 Tugrik Straßenmaut. Wir kennen den Ort und wissen von der heiligen Quelle hinter dem Pass. Wir füllen alle Wasserbehälter und fahren in die Stadt. Gabi tauscht 10 US$ in der Bank. Euro nehmen sie auch hier nicht. Vor dem Supermarkt klopfen Klaus und Maike, 2 Rucksacktouristen aus Deutschland ans Auto. Wir gehen Tee trinken und haben einen schönen Nachmittag zusammen. Dann trennen sich unsere Wege, nach einer Einladung zu unserem Globetrottertreffen in Nickersfelden. Wir finden tatsächlich das Internetcafe und kündigen uns bei Vait Scholz an, der hat für uns einen Parkplatz in Ulan Bator. Wir lassen den Reifen flicken und fahren irgendwo in die Steppe zum Schlafen. Heute haben wir die Uhr eine weitere Stunde vorgestellt.

Samstag, 18. Juni 2005 (302 km/20.450 km/58 km/2.311 km) (1.209 m H.)
(NL77: N 4746,373 O 10508,021 Str. Karakorum-Ulan Bator/Mongolei)

Yak-Gespann Nach 20 km beginnt Teerstraße. Wir haben die Hauptstadt des Reiches von Dschingis Khan, Karakorum erreicht. Wir fahren zur Schildkröte auf dem Hügel und ersteigern ein paar Souvenirs. Vor 5 Jahren war kein Mensch hier oben. Auch am Phallusstein Souvenirstände. Die Sanddünen von Mongol Els und ein knallbunter Owoo sind weitere Ziele an diesem Tag. Auf gute Teerstraße fährt Gabi ein Stück und dann das erste Stück Piste. Motorstottern, wir stoppen sehr früh, füllen einen Zusatztank um und wechseln die Dieselfilter. Dann folgt ein gemütlicher Abend mit dem vorletzten Glas von Vaters leckerer Hausmacherwurst und Rotwein. Morgen wollen wir Ulan Bator erreichen.

Sonntag, 19. Juni 2005 (157 km/20.607 km/0 km/2.311 km) (1.333 m H.)
(NL78: N 4754,691 O 10652,892 Ulan Bator/Mongolei)

Ohne Frühstück erreichen wir den Rand Hauptstadt. Maut wird fällig, dann suchen wir das Guesthouse Ulan Bator, welches ausgebucht ist. Wir tauschen Geld und gehen im Khan-Brau essen. Ich unterhalte mich mit einem Angestellten einer deutschen Hilfsorganisation. Der kennt die Adresse der GTZ. Vait Scholz jedoch ist nicht in seinem Büro. Wir besichtigen den daneben liegenden Tempel, dann treffen wir Vait doch noch. Zolzaya, die Mongolin, die uns im Jahr 2000 für 1 Woche begleitet hat, ist im Büro und kann sich noch an mich erinnern. Sie war damals unser Glück in der Mongolei und ist es auch heute. Wir können bei ihr schlafen und duschen.
Auch mit Vait kommt eine interessante Unterhaltung zustande. Er telefoniert mit Klaus Bormann, einem anderen Freund, den ich seit der Reise 2000 kenne. Wir wollen uns morgen treffen. Dann suchen wir Zolzayas Wohnung. Das heiße Bad ist ein himmlisches Vergnügen nach einer Woche mongolischer Steppe. Im Khan-Bräu, dem deutschen Treff in UB, trinken wir mit Zolzaya und Vait ein paar Bierchen. Zolzaya erzählt von ihrem Müllprojekt, das sie in der Mongolei ins Leben gerufen hat. Wir werden sie von Deutschland aus so gut wie möglich unterstützen. Um 1.30 Uhr sind wir zurück.