Eurasien Teil 3

Sonntag, 1. Mai 2005 (275 km/7.818 km/7 km/49 km) (2.144 m H.)
(NL29: N 39°31,118 O 44°08,664 bei Dogubayazit/Ararat/Türkei)

Militär verweist uns freundlich des Feldes. 20 km weiter stoppen wir zum Frühstück. Gabi übernimmt das Steuer auf grottenschlechter Strasse, da ich den Reisebericht 2 fertig schreiben will und fährt absolute Kampflinie. Entweder die Schlaglöcher weichen aus oder sie macht sie platt. Entsprechend vergnügt hüpft der Laptop auf meinen Oberschenkeln herum. Meine Trefferquote liegt bei 37 %. Nach einer Stunde gebe ich entnervt auf. Ich fahre deutlich langsamer und der Toyota liegt deutlich ruhiger auf der Straße. Kurze Zeit später meint sie: "Bin ich zu schnell gefahren?" Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.
mit Elfi und Heinz bei den Kurden Der Ararat taucht schemenhaft am Horizont auf. In Dogubayazit stoppen wir um Postkarten zu verschicken. Dann fahren wir zur Ishak Pasa Sarayi, einer Festungsanlage einige km entfernt. Bei einem Fotostopp überholt hupend ein Landcruiser mit Nürnberger Kennzeichen. Wir folgen, finden ihn aber nicht. Am letzten Parkplatz lädt uns ein Kurde zum Tee ein. Wir nehmen gerne an, klettern aber erst mit 3 Jungs die Bergzinnen hoch. Völlig außer Atem erreichen wir die Spitze in 2.200 m Höhe. Von dort entdecken wir den anderen Toyota. Wir fahren hin und lernen Elfi und Heinz kennen. Zu viert gehen wir zur kurdischen Familie, die uns mit Tee uns Süßigkeiten versorgt. Wir machen im Gegenzug ein paar Familienfotos, um sie später zu schicken.
Morgen sollen wir zur iranischen Grenze kommen, wo Arop, der Clanchef arbeitet. Dort soll auch ein Meteoritenkrater und die Arche Noah zu sehen sein. Wir tauschen Adressen aus und fahren die Serpentine hoch in die Berge. Nach dem Motto, hast du keine Probleme, dann mach dir welche, landen wir in einem Schmelzwassersumpf und kommen nur unter größten Anstrengungen wieder raus. Unterhalb davon schlagen wir unser Nachtquartier auf.

Montag, 2. Mai 2005 (347 km/8.165 km/10 km/59 km) (813 m H.)
(NL30: N 39°39,363 O 44°47,860 Grenzübergang Dilicu/Türkei-Nakhchivan -
keine Ahnung wo wir sind)

Der schönste Schlafplatz von Etappe 3 umgibt uns. Der Ararat bleibt in Wolken, die Berggötter sind uns auch hier nicht gut gesinnt. Sein kleiner Bruder (stattliche 3.896 m) wird ab und zu sichtbar. Wir fahren zu Arop´s Büro an der Grenze, welcher uns mit Tee erwartet. Dann geht's zum Meteorkrater, dem zweitgrößten der Welt. Wieder zurück, sehen wir den Toyota von Heinz und Elfi hinter der LKW-Schlange vorbeifahren.
Wir verabschieden uns von Arop und fahren zum Fundplatz der Arche Noah. Tatsächlich ist ein schiffsähnliches Gebilde von 146 m Länge und 42 m Breite aus Fels und Erde zu erkennen. Forscher behaupten, dies seien die versteinerten Überreste der Arche Noah. Laut Bibel, Koran und Gilgamesch-Epos soll sie hier gestrandet sein.
Wir fahren zum Grenzübergang bei Karakoyunlu und finden eine militärisch bewachten Komplex mit roter Aufschrift in 3 Sprachen "Verbotene Zone". Ein Soldat erklärt: hier ist dicht. War das überhaupt eine Grenze? Kein anderes Auto fuhr hier auf den letzten 20 km. Wir fahren laut unserer Karte zum nächsten Übergang bei Tuzluca, welcher laut örtlichen Polizei gar nicht existiert. Alican bei Idgir sagt man uns, also landen wir ein zweites Mal an der "Verbotenen Zone". Wir können über Nakhchivan, dem 3. Geisterland unserer Reise nach Armenien fahren. Also nichts wie dorthin. Ein Militärposten registriert uns, dann die Grenze. 4 Männer erklären mir, wie wir nach Armenien kommen können. Über Nakhchivan und den Iran, über den südlicheren Grenzübergang in den Iran, oder über Georgien. Die Türkisch-Armenische Grenze ist total zu. Jetzt stecken wir wirklich in der Scheiße, der gleiche Mist wie zwischen Russland und Georgien. Unser defektes Licht lässt keine Weiterfahrt zu, deshalb stoppen wir direkt vor der Grenze, kochen uns was und schlafen.

Dienstag, 3. Mai 2005 (364 km/8.529 km) (1.991 m H.)
(NL31: N 41°01,029 O 43°18,328 Canaksu/Türkei)

Ilgardagi-Gecidi-Pass Um 7 Uhr fahren wir los, absoluter Rekord. Die Militärs am Posten bei Aralik laden uns zum Tee ein, bieten Essen und Bett an. Nach 1 Stunde fahren wir weiter. Gabi am Steuer, ich am Laptop. Wollen den Reisebericht 2 noch aus der Türkei verschicken. Ein Schneesturm tobt auf 2.200 m Höhe vor Kars. Dort gehen wir in ein Internetcafe mäßiger Schnelle, können gerade mal die allerwichtigsten Sachen erledigen. Irgendwas scheint mit unseren Zweitpässen schief gelaufen zu sein! Aus einer Email von meiner Mutter lese ich heraus, dass sie zu Hause und nicht wie geplant in Almaty angekommen sind. Ich schicke einen Hilferuf an alle kompetenten Leute die ich kenne.
Derzeit lädt Gabi ein Reisebürobesitzer zum Tee ein. Wir können von seinem schnellen PC noch Reisebericht und Bilder verschicken. Vom Auswärtigen Amt holen wir uns endlich die nötigen Infos über die Lage im Kaukasus. Grenze Russland Georgien zu, Grenze Türkei Armenien zu, Grenze Armenien Aserbaidschan zu, Grenze Aserbaidschan Russland zu. Da hätten wir schon früher nachschauen sollen. Uns bleibt nur der Weg nach Norden. Wir stoppen bei Eiseskälte am Sildik-See und schlafen dort. Eines kann man jetzt schon sagen, die Türken sind das gastfreundlichste Volk auf unserer bisherigen Reise.

Mittwoch, 4. Mai 2005 (220 km/8.749 km/60 km/119 km) (1.254 m H.)
(NL32: N 41°22,723 O 43°17,026 Vardzia-Kloster/Georgien)

Leicht eingeschneit wachen wir auf. Über dem See ist blauer Himmel. Wir fahren zum Grenzübergang Türkgözü, überqueren dabei einen 2.500 m hohen Pass im Schneesturm und erreichen die georgische Grenze gegen 11.45 Uhr.
Mit gemischten Gefühlen verlassen wir die Türkei, doch Georgien begrüßt uns unerwartet freundlich. 20 € knöpft uns der Zoll für das Ausstellen der Papiere ab, dann sind wir im Land. Die Straße zur nächsten Stadt ist blanker Horror, dafür lässt uns die Polizei in Frieden. Wir holpern über den erbärmlichsten Streckenabschnitt unserer ganzen Reise, mit Schlaglöchern so breit und tief wie der Meteorkrater in der Türkei.
Hoehlenkloster Vardzia In Akhaitsikhe tauschen wir Geld und kaufen Lebensmittel. Die Menschen sind sehr freundlich. Der Weg zum Vardzia-Kloster ist beschwerlich. Auch hier fahren wir extrem langsam. Die Festung Khertvisi liegt am Wegesrand. Um 17.30 Uhr erreichen wir das Höhlenkloster, einer fast unglaublich wirkenden Anlage aus dem 12. Jh. Wir irren über eine Stunde durch Gänge, Treppen und Kammern, an einer Steilwand in den massiven Fels gehauen. Wir bereiten uns oben auf die Nacht vor, der Ticketverkäufer schickt uns jedoch auf den Parkplatz am Fluss.


Donnerstag, 5. Mai 2005 (326 km/9.075 km/42 km/161 km) (501 m H.)
(NL33: N 41°26,832 O 44°36,502 vor Bolnisi/Georgien)

Um 6.30 Uhr werden wir unverschämterweise verjagt. Das Grauen auf der Straße ändert sich auf der S 8 erst ab Khashuri. In Gori gehen wir ins Internet. Unsere Hilferufe wurden erhört. Andreas Lomb vom DER-Bamberg (seit 15 Jahren unser Hausreisebüro) und Florian Freytag vom ADAC (wie wir DZG-Mitglied) haben beim Auswärtigem Amt und bei meiner Mutter angerufen. Dadurch wird mir klar, dass die Pässe gar nicht zu Hause sein können. Die Rechnungen für die letzten Visa hatten meine Mutter wohl etwas verwirrt. Vait Scholz von Extratours in der Mongolei hat angefangen unsere Einreisepapiere zu besorgen. Somit ist doch wieder alles im Lot. Jetzt hängt es nur noch von uns ab.
Wir fahren eine Stunde in Tbilissi, der Hauptstadt Georgiens herum, welche sich zurzeit auf großen Besuch vorbereitet. Dann stoppen wir vor Bolnisi in einem Wäldchen für die Nacht.

Freitag, 6. Mai 2005 (151 km/9.226 km/2 km/163 km) (880 m H.)
(NL34: N 40°59,111 O 44°39,506 bei Tumanyan/Armenien)

Grünes Land, blauer Himmel, schöne Blumen, ein richtiges Idyll mit dickem Scheißhaufen vor der Beifahrertür. Wir frühstücken trotzdem im Freien. Die Kirche Bolsinis Sioni finden wir erst nach mehrmaligem Fragen. Der orthodoxe Priester zeigt uns bereitwillig das uralte Gemäuer.
Dann fahren wir zur Grenze und erkundigen uns, ob wir hier ein Visum für die Rückfahrt zum Schwarzen Meer bekommen. Völlig unproblematisch die Ausreise aus Georgien, die Einreise in Armenien dauert etwas länger, da die aufgetakelte, ihren Zenit schon weit überschrittene Tippse sich nicht richtig auskennt. Wir sind in Armenien, was wir fast nicht mehr geglaubt hatten. Wo ein Wille ist eben immer auch ein Weg. Wir stoppen am Kloster Haghpat und landen gleich einen Volltreffer, Weltkulturerbe und total billig. Nach der Besichtigung springt der Toyota nicht an, der große Tank ist leer. Da in Armenien und Georgien der Diesel 15 Cent teuerer als in Russland ist, füllen wir die Zusatztanks um und waschen uns einem der vielen Wasserhähne an der Straße. Die strahlende Sonne lädt förmlich dazu ein. Das war ein erfolgreicher Tag.

Samstag, 7. Mai 2005 (263 km/9.489 km/2 km/165 km) (1.666 m H.)
(NL35: N 40°09,799 O 44°39,191 bei Yerewan/Armenien)

Um 10 Uhr kommen wir erst weg. In Vanadzor schicken wir unsere Pflichtpost und fahren hoch zum Sevansee auf fast 2.000 m Höhe. Eine freundliche Polizeikontrolle, Angler die bis zum Bauch im Wasser stehen und Fischverkäufer am Straßenrand vertreiben uns die Zeit. Für 1 € 6 geräucherte Fische, eine echte Leckerei. Wir haben unser Abendessen.
Kloster am Sevan See Dann landen wir an einem Kloster am See. Zwei junge Armenier laden uns zum Wodka ein. Ein Dritter steigt patschnass mit Fischen aus dem Wasser. Der mit den größten Sprachschwierigkeiten nimmt die Fische aus. Ob das Menschen- oder Fischblut an seinen Fingern ist, wissen wir nicht. Jedenfalls sieht es wie Selbstverstümmelung aus. Weitere 3 Kerle kommen dazu. Steigt hier eine Party? Einige Worte englisch, 3 Worte russisch und man serviert uns gebratenen Fisch mit Fladenbrot und Wodka-Cola. Damit nicht genug, Mr. Harakiri fängt eine Giftschlange und führt wahre Kunststücke damit vor, ehe sie im hohen Bogen zurück ins Gebüsch fliegt.
Um 18 Uhr reisen wir uns los, fahren bis Yerewan und landen im Schuttplatz. Vier Kampfhunde stürmen aus dem Müll auf den Toyota zu. Wir drehen den Spies um und jagen einen Köder mit Vollgas, Hupe und Steinen 300 m die Straße hoch. Wie der wohl auf das nächste weiße Auto reagiert? Auf einem Hügel bei einem Friedhof finden wir unser Nachtlager.

Sonntag, 8. Mai 2005 (67 km/9.556 km/0 km/165 km) (1.455 m H.)
(NL37: N 40°16,961 O 44°38,468 Abovyan/Armenien)

Ein grandioser Tag beginnt mit einem Frühstück vor der Kulisse des Ararat (5.165 m). Wir fahren nach Garni und besichtigen den Tempel. Ein Armenier gibt uns gute Tipps. Dann fahren wir zum Höhlenkloster Geghart. Nicht mal Eintritt verlangen sie an dieser Sensation. Eine Taufe findet statt. Wir fotografieren mal das Baby. Dann wird ein Schaf durch Kehlschnitt und Ausbluten getötet. Dann erst finden wir das eigentliche Höhlenkloster, einen Kuppel-Raum mit Säulen aus dem massiven Stein geschlagen.
Gegen Mittag verlassen wir das Kloster Richtung Yerewan. Auf halbem Weg dorthin steckt ein 300 SE in einer tiefen Senke. 3 Männer versuchen erfolglos ihn anzuschieben. Gabi meint, wir können ihn bergen. Gesagt, getan, die Winde verliert den Staub des Grand Chaco in Paraguay. Der Benz steht auf festem Teer und springt artig an. Wir sollen folgen, keine Ahnung wohin und landen an einer Werkstatt. Dort schlachtet man im Moment auch ein Schaf.
Taufe von Klein Eric Ein Kaffee und wir wissen worum es geht. Wir haben den jungen Vater geborgen und der lädt uns nun zur Tauffeier seines Sohnes Eric ein. Fantastisch, wir fahren nach Abovyan in den 5. Stock eines Hochhauses wo gleich mehrere Tafeln gleichzeitig gedeckt sind. Raissa hat Germanistik studiert und dolmetscht am Anfang. Kalte Platte mit Hähnchen, Wurst, Käse, Gemüse und Obst, dann Schafbraten, danach Schweineschaschlik, zuletzt Spinat mit Eiern und Torte. Essen und trinken bis zum Abwinken. Nach dem Motto "Jeder blamiert sich so gut er kann", fege ich wie ein Elefant im Porzellanladen übers Parkett, zur Belustigung aller noch anwesenden Partygäste. Um 24 Uhr fahre ich mit Atrium (dem jungen Vater) den Toyota auf einen Parkplatz, während Gabi die Bilder der Taufe am Kloster Geghard zeigt. Die junge Generation schaut begeistert zu. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen hier schlafen. Die Wohnzimmercouch wird unser Nachtquartier.

Montag, 9. Mai 2005 (138 km/9.694 km/18 km/183 km) (1.866 m H.)
(NL37: N 40°27,517 O 43°50,871 nach Mastara/Armenien)

Trotz erheblichem Cognac Konsums kann ich nicht richtig schlafen. Vicky und Abo, ein Pärchen mit dem wir uns gut angefreundet haben kommen zum Frühstück vorbei. Nach 12 Uhr dann der erste Abschied in Etappe 3, der so richtig reingeht. Erics Opa drückt sogar ein paar Tränen raus. Viele Geschenke, gute Wünsche und ein Fresspaket gibt man uns mit auf unseren noch sehr weiten Weg.
Eine kleine Schlafpause am Ortsausgang, dann fahren wir bei Regen nach Yerewan. Eine riesige Treppe im Zentrum findet unser Interesse. Da das Wetter nicht besser wird, verlassen wir die Stadt Richtung Westen. Die Kirchenruine von Zvartnots und die im 3. Jh. gebaute Kirche von Echmiadzin sind weitere Tagesziele. Dann geht es weiter nach Nordwesten auf 16 km Schlaglochholperstrasse. Nach Talin fahren wir in einen Feldweg und schlafen. Draußen tobt der Wind.

Dienstag, 10. Mai 2005 (382 km/10.076 km/0 km/183 km) (698 m H.)
(NL38: N 42°00,374 O 43°40,387 bei Agara/Georgien)

Die Sonne vertreibt die Kälte im Auto. Wir frühstücken im Freien die Reste des Fresspakets, bröseliges Fladenbrot und Kräuter. Der Ararat zeigt sich zum Abschied völlig wolkenfrei. Die Grenze macht auf armenischer Seite keine Probleme. Die neuen Georgienvisa sind auch gleich ausgestellt, nur der Zoll macht ein bisschen Ärger. 30 US$ wollen sie mir mit 30 € abrechnen. Letztendlich verlasse ich mit 5 Lari und 2 Eis am Stiel als Wechselgeld das Zollgebäude.
Aufgrund der Unmengen übriger Kräuter kaufen wir Kartoffeln, Tomaten, Gurken und Eier für einen Salat am Abend. Als kleines Präsent bekommen wir ein Bündel Kräuter dazu, da haben wir nun den Salat.
Großer Tag für Tiblissi, Gabi Goll und Rudi Kleinhenz werden erwartet. Ach ja und da ist noch ein Cowboy namens George W. Bush, seines Zeichens mächtigster Mann der Welt. Wir haben keine Zeit ihn zu empfangen, müssen schnell weiter. Nach Gori fahren wir in einen Feldweg voller Wasser. Gabi kocht Kartoffelsalat mit Unmengen Kräutern.

Mittwoch, 11. Mai 2005 (319 km/10.395 km/3 km/186 km) (5 m H.)
(NL39: N 41°51,340 O 41°46,703 Kobuleti/Georgien)

Sonniger Morgen geht in heißen Tag über. In Kutaisi versuchen wir das Gelati-Kloster zu finden, als Abschluss unserer Kaukasustour. Katastrophenstraßen lassen uns fast verzweifeln. Wir finden und besichtigen die Bagrati-Kathedrale und verlassen diese merkwürdige Stadt auf schnellstem Wege.
Außerhalb tanken wir noch 17 l um Poti, unseren Ausreisehafen, sicher zu erreichen. Auch die Straßen Potis gleichen einem Schlachtfeld. Den Hafen finden wir aber doch. Erste Info, es fahren nur Fähren in die Ukraine. Dann doch Aufatmen. Am Freitag fährt ein kleiner Pott nach Sochi. Autos werden allerdings nur ab Batumi mitgenommen und bis zu einer Höhe von 1,90 m. Wäre kein Problem, wir müssten nur den ganzen Dachgepäckträger abnehmen und die Luft aus den Reifen lassen. Am Montag fährt ein großer Pott nach Novorossijsk, das dauert uns zu lange. Da wir nur in Poti laut Zoll ausreisen dürfen, wäre erste Lösung ein weiteres Problem. Der Weg über Trabzon in der Türkei würde noch länger dauern.
Wir fahren nach Batumi und besichtigen die Michael Svetlov. Wie man auf diesen Eimer überhaupt ein Auto bekommt ist mir ein Rätsel. Das Problem löst sich von selbst, da schon alles ausgebucht ist. Wir tauschen Geld und stellen uns auf die neue Situation ein. Wir nehmen das Schiff am Montag und machen noch einen Abstecher in die Nähe des Elbrus, vielleicht haben wir von dieser Seite Glück, den Berg zu sehen. In Kobuleti stoppen wir für die Nacht in einem Park am Schwarzen Meer.

Donnerstag, 12. Mai 2005 (123 km/10.518 km/7 km/193 km) (26 m H.)
(NL40: N 41°41,433 O 41°42,291 Makhinjauri bei Batumi/Georgien)

Wir düsen nach Poti um die Montagsfähre zu buchen. Heute hilft uns ein englisch sprechender junger Mann namens Richard bei allen erdenklichen Sachen und überzeugt uns doch, die Michael Svetlov zu nehmen, da ein Autoplatz freigeworden wäre. Zwei Stunden später fahren wir zum zweiten Mal nach Batumi wo man uns schon erwartet. Mit unserem Maßband messe ich die Ladedeckhöhe aus und komme auf 208 cm. Der Toyota könnte also wirklich reinpassen, wenn sie das ganze andere Zeug wegräumen. 700 US$ bekommen wir mit einer Auszahlung aus einem Bankautomaten. Die Personen-Tickets kaufen wir gleich, das Auto wird morgen in US$ bezahlt. Ein Zöllner hilft uns beim Hauptzollamt, beim Postkartenkauf und der Internetsuche. Dann kaufen wir Wein und ein Riesensteak für den Abend. Außerhalb Batumi kochen und schlafen wir am Meer.

Freitag, 13. Mai 2005 (10 km/10.528 km/0 km/193 km) (0 m H.)
(NL41: Schiff Batumi/Georgien - Sochi/Russland)

Freitag der 13. Nach dem Frühstück erledigen wir unsere Post. Danach düsen wir zum Schiff. Mit 2 Zöllnern fahre ich zum Hauptzoll und zur Bank. 8 Papiere habe ich nun für die Ausreise. Unterdessen stürzt in Gabis Beisein ein Mann kopfüber ins Meer während er eine Flasche Wasser abfüllen will. Gabi spricht einen Angler an, der sich aber nur an die Kehle schnippt (bedeutet auf Russisch "besoffen") und weiter geht. Dann hilft er aber doch und gemeinsam bergen sie die Wodkaleiche.
Weiter geht das Warten, um 14 Uhr soll das Auto aufs Schiff, ich habe immer noch meine Zweifel. Wir ziehen hinten die Ersatzräder auf, reinigen die Dieselfilter und hängen den Auspuff an. Nach reiflichen Überlegungen schraube ich den Dachgepäckträger los und den Schnorchel ab. Wer weiß wofür es gut ist.
Auf der Michael Svetlov Um 14 Uhr beginnt eine der 3 größten Fährkatastrophen unserer Reisegeschichte. Denn mit uns muss noch ein 525 i auf das Schiff und der darf zuerst. Ein hin und her, bis er wenige cm vor der Steuerbordwand steht. Dann wird der Dachgepäckträger unter ständigen "Dawei"- Rufen abgehoben und Luft aus den Hinterrädern abgelassen. Eine Hektik herrscht hier, es ist kaum zu glauben. Obwohl eh schon kein Platz ist, stehen auch noch 20 Gaffer im Weg. Zum Glück hatten wir alles soweit fertig, sonst,…ich darf gar nicht daran denken. Auf Holzklötzen und Planken geht es im Rückwärtsgang über die Bordwand auf den Kahn. Überall schreien irgendwelche Leute. Links, rechts, vor, zurück, das macht Spaß, das bringt Glück! Nach 15 Minuten Rangiererei stehe ich 5 cm neben dem BMW, 5 mm vor der hinteren Wand und 5 mm unter der Decke. Ich kann s nicht glauben, draußen wartet ein noch dickerer GMC-Jeep, der auch noch auf diese Miniladefläche fährt. Der Mann schwitzt sichtlich mit seinem Nobelfahrzeug. Ich muss noch zweites Mal rangieren, dann kommen Dachgepäckträger und Ersatzreifen vor die Autos. Das wäre geschafft. Dann beginnen die Ausreiseformalitäten für uns. Die Tickets werden verlangt, sind aber auf dem Schiff. Ich darf sie holen, aber der Polizist lässt mich ohne Pass nicht auf das Schiff. Mit Pass werde ich eingelassen, muss aber erst das Auto 2 weitere Male rangieren, zurück mit den Tickets dürfen wir auf das Schiff. Der Schrecken zum 13. Freitag: Gabi hat das Zusatzpapier zum Russlandvisum nicht mehr im Pass. Mir schwant Schlimmes. Alle Georgier meinen jedoch: "Kein Problem". Alles suchen hilft nicht, das Papier ist weg. Droht Gabi die Ausweisung und uns damit das unerwartete Ende der Tour? Probleme wird es gewaltig geben. Scheiß Russenbürokratie.
Die Michael Svetlov läuft bei ziemlichem Seegang um 17.45 Uhr aus und erreicht Poti um 20.15 Uhr. Delphine begleiten uns auch bei dieser Seereise. Ich lerne Anzor Zakazaia aus Georgien kennen, der uns nach Maikop zu seiner Familie einlädt. Die Einladung können wir nicht annehmen, da wir unter Zeitdruck sind. Ich betrachte noch mal kopfschüttelnd die 3 wie Ölsardinen eingepferchten großen Autos auf dem Minischiff! Russland macht es möglich. Der linke Hinterreifen wir noch mal abgelassen. Jetzt ist 3 cm Platz nach oben. Um 22 Uhr legen wir von Poti ab und dampfen in die Nacht hinein. Mit gemischten Gefühlen schlafen wir ein unter dem ewigen Geschnatter der anderen Fahrgäste und mächtigem Seegang.

Samstag, 14. Mai 2005 (93 km/10.621 km/0 km/193 km) (153 m H.)
(NL42: N 43°57,562 O 39°19,410 bei Lazarevskoye/Russland)

Gabi ist auch diesmal leicht seekrank. Nach 8 Uhr erreichen wir Sochi. Um 11 Uhr steigt weltrekordverdächtig der letzte der 100 Passagiere aus. Dann sind wir an der Reihe. Die Stunde der Wahrheit naht. Was ist mit Gabis Visum-Papier. Bei mir läuft alles problemlos und siehe da, bei Gabi auch. Wir sind erleichtert. Unser Auto macht mehr Ärger. Sie wollen irgendeinen alten Zollschein sehen. Wir wissen nicht was. Zwei Stunden dauert die Zolldeklaration. Geduld zu zeigen haben wir auf unserer Reise bereits gelernt. Dann müssen die Autos vom Schiff, welches bei diesem Seegang einen halben Meter auf und ab schaukelt. Drei lose verzurrte Taue halten es am Kai. Über lockere Bohlen fahren wir bergan hinaus.
Bis auf den russischen Kfz-Schein haben wir alle Papiere. Während der Zoll verzweifelt versucht unsere nichtvorhandene Motornummer zu finden, bauen wir, in seiner sicheren Obhut, unser Auto zusammen. Dann finden sie unseren alten Kfz-Schein und alle offenen Fragen klären sich. Wir bekommen einen neuen Schein mit Gültigkeit bis Visumende. Wir sind zum zweiten Mal auf dieser Tour in Russland.
Die Arbeit geht weiter, der junge Tankwart staunt nicht schlecht nach 295 l Diesel. Drei Bar in die Ersatzräder, dann sind wir einsatzbereit für neue Taten und es ist erst 16,30 Uhr. Ein Grillhähnchen und eine Flasche Wein beenden diesen chaotischen, aber erfolgreichen Freitag, den 13.

Sonntag, 15. Mai 2005 (520 km/11.141 km/0 km/193 km) (49 m H.)
(NL43: N 43°30,259 O 40°06,232 Novocerkassk/Russland)

Ein ruhiger Tag mit 2 harmlosen Kontrollen auf 500 km. Wir kaufen Äpfel und Salzfisch am Straßenrand. Am Abend besichtigen wir in Novocerkassk 2 Kirchen. Den Fisch essen wir in einem Moskito verseuchten Seitenweg und schlafen auch dort.

Montag, 16. Mai 2005 (494 km/11.635 km/0 km/193 km) (76 m H.)
(NL44: N 48°49,484 O 44°09,899 Dt. Soldatenfriedhof Rossoschka-Stalingrad/Russland)

Mit einem Moskito im Auto wachen wir auf und fahren deswegen zum Frühstück 20 km weiter. Gabi steuert den Toyota heute 250 km, damit Reisebericht 3 fertig wird. Wir kaufen einen großen Salzfisch am Wegesrand. Außerdem ist eine Polizeikontrolle.
Gegen 16 Uhr erreichen wir das spektakuläre Ortsschild von Wolgograd-Stalingrad. Wir wollen uns hier registrieren lassen und stoppen deswegen an der Polizei. Diese schickt uns zur Ovir-Behörde auf der anderen Straßenseite. Dort erklärt man uns den Weg zum Intourist-Hotel, weil nur ein Hotel, oder die uns einladende Behörde uns registrieren kann. Von letzterer wissen wir zwar den Namen, haben als Adresse nur Moskau angegeben und das ist viel zu weit weg. Im Hotel bekommen wir den Stempel nur, wenn wir hier auch übernachten und auch nur für die Zeit unseres Aufenthaltes. Das ist bestenfalls ein Notnagel und hilft uns nur, wenn die Grenzbeamten bei der Ausreise nicht genau hinschauen. Es muss also eine andere Lösung her.
Die Angestellten sprechen fast alle deutsch und so bekommen wir Auskünfte über die Stadt und geschichtsträchtige Orte mit Namen wie Höhe 102 oder Soldatenfriedhof Rossoschka. Zu letzterem wollen wir noch hin und den Gefallenen der Schlacht von Stalingrad unsere Ehre für eine Nacht erweisen. Mit der untergehenden Sonne erreichen wir die Friedhöfe und Schweigen eine Weile. Vor 62 Jahren tobte hier die Hölle, jetzt herrscht Totenstille. Wir essen die Hälfte des Fisches und haben Riesendurst. Dann schlafen wir zwischen den Friedhöfen.

Dienstag, 17. Mai 2005 (61 km/11.696 km/0 km/193 km) (34 m H.)
(NL45: N 48°42,543 O 44°30,953 Wolgograd/Russland)

Deutscher Soldatenfriedhof in Stalingrad Der Himmel bleibt weiter bewölkt. Wir besichtigen die 1998 angelegte Friedhofsanlage und bekommen von einem Angestellte gute Infos. Ein noch während des Krieges angelegter deutschen Friedhof, ein deutsches Sammelgrab in dem auch heute noch gefundene Überreste deutschen Landser bestattet werden, eine chaotisch angeordnete Ansammlung von Würfeln mit den Namen aller noch Vermisster dt. Soldaten und ein russischer Friedhof vor einer mächtigen Mauer, der Wand des Widerstands.
Um 11 Uhr fahren wir in die Stadt, unsere Registrierung hat absolute Priorität. Nun folgt ein Marathon schwachsinniger russischer Bürokratie. Erst wollen wir in der Metro einkaufen, was ohne Kundenkarte nicht möglich ist. Dann dauert es 30 min um an einer Tankstelle, die Kreditkarten akzeptiert, überhaupt Diesel zu bekommen. Volltanken geht nicht, bekloppt wie in alten Sowjetzeiten! Die Tankstellen am Schwarzen Meer kapieren es doch auch!
13.00 Uhr. Wir tauchen zum zweiten Mal bei Ovir, der Meldebehörde, auf und schildern unser Problem. Wir müssen warten. Dann eine Lösung, wir müssen einen Antrag stellen, diesen von einem Dolmetscher im Hotel Intourist übersetzen lassen, Kopien von Pass, Visum und Einreiseformular beilegen, dann bekommen wir eine Registrierung für 3 Tage. Ich bitte um 7 Tage, um eventuellen Pannen vorzubeugen.
13.30 Uhr. Wir rasen zum Intourist, schildern den Fall und bekommen Hilfe. Eine Dolmetscherin übersetzt unsere Bitte in Russisch, meint aber gleichzeitig, das wäre nur gültig mit der Unterschrift eines Notars!?! Dann geht es doch. Kopien haben wir auch, also zurück zu Ovir. Sie gibt uns noch ihre Telefonnummer, wegen eventueller Korrekturen, da sie jetzt das Hotel verlässt.
14.30 Uhr. Ovir-Büro. Viele Leute sind vor uns, wir drängeln uns durch. Das Schreiben scheint so weit in Ordnung. Wir müssen allerdings getrennte Anträge stellen in der Form, oben alles in unserer Muttersprache, darunter in Russisch, mit Stempel und Unterschrift des Übersetzers. Also auf zum Hotel.
15.15 Uhr. Die Dolmetscherin ist noch dort und korrigiert alles soweit, jetzt hat der Drucker keine Tinte mehr. Dann haben wir alle geforderten Papiere.
16.00 Uhr. Der Wächter am Ovir-Eingang grinst schon hämisch, lässt uns passieren ohne Passkontrolle. Noch mehr Leute vor uns. Wir drängeln uns wieder vorbei. Irgendwann gibt das Ärger. Wir müssen warten. Dann endlich das o. k. Allerdings nur für 3 Tage Aufenthalt. Besser als nichts, denke ich gerade, da kommt die Ernüchterung. Unsere Pässe bekommen wir in erst in 3 Tagen zurück. Was ist denn das für eine Logik? Dann haben wir 3 Tage verloren und exakt das gleiche Problem. Das begreift die Dame und fragt wie immer den Boss, dann die Info, wir bekommen die Pässe morgen Nachmittag um 15 Uhr zurück. Eine Lösung mit der wir vorerst Leben können.
17.00 Uhr. Wir verlassen das Ovir-Gebäude und überlegen wo wir die Nacht verbringen. Die Höhe 102 wollen wir noch besichtigen, stoßen dabei auf das Panorama-Museum. Es wurde uns richtig schmackhaft gemacht, stellt sich jedoch als sowjetische Selbstverherrlichung dar. Die Wolga, der mächtigste Fluss Europas, ist von hier gut zu sehen. Trotz Bewölkung steigen wir noch auf Höhe 102, dem strategisch wichtigsten Punkt der Schlacht um Stalingrad. Hier haben die sowjetischen Steinmetze und Betonbauer eine wahrhaft gigantische Arbeit geleistet.
Zurück im Zentrum quartieren wir uns für eine Nacht im Hotel Intourist ein. Da wir keinen Pass haben, gibt man uns erst nach längerem hin und her ein Zimmer. Morgen können wir unsere Klamotten waschen und ein Frühstücksbuffet gibt es auf. Einer der Angestellten will für unverschämte 200 Rubel das Auto bewachen. Ich lasse ihn erst mal zappeln, gebe ihm später 100. Im TV empfangen wir das ZDF. Da hab ich seit Jahren keinen Blick mehr rein geworfen. Mal schauen was morgen auf uns zukommt! Wir haben unsere eigene Schlacht um Stalingrad, hoffentlich mit besserem Ausgang für uns Deutsche.