Nach knapp zwei Autostunden über eine schlaglochreiche Gebirgsstraße erreicht man die Thermalquellen von Issyk-Ata, einem Kurort in 1800 Meter Höhe. Dreitausender säumen das Tal, doch wirken sie wie sanfte, grasbewachsene Hügel.
Eine erste Wanderung führt entlang des wilden jungen Wassers zu einer Jurta, diesem Wunderwerk eines unbekannten antiken Architekten, dieser Sommerbehausung des Koitschumanen, des kirgisischen Hirten. Eine erstaunliche Ordnung und Sauberkeit erwartet einem in der Jurta. Nach altem Brauch bekommt man als erstes eine Schale Kumys, der legendären Stutenmilch, gereicht. Ein leicht säuerlicher, kühler, man meint fast kohlensäurehaltiger Geschmack rinnt erfrischend und den Durst löschend die Kehle hinab. Genau gegenüber dem Eingang befinden sich Stapel von leuchtend überzogenem Bettzeug, genug um in der gesamten Jurta Gäste übernachten zu lassen. Die rechte Seite ist der Frau überlassen. Hier befinden sich die Vorräte, Tierblasen mit Butter, das Kochgeschirr, Eimer, Vasen mit Wiesenblumen, gerahmte Familienfotos. Dort ist auch der Platz für das Baby. Die linke Seite der Hütte ist für den Herrn des Hauses vorgesehen: Reitutensilien, Jagdwaffen, Ak-Kalpak, an Hörnern von Böcken hängende Fleischstücke. Die gesamte Jurta ist mit Filzteppichen ausgelegt.
Der Weg führt weiter am Hochufer des Flusses entlang. An einem dieser schönen Spätsommertage, wie man sie in den kirgisischen Bergen erleben kann, blinkt der warme Sonnenschein, so blau und klar, leuchten purpurn die Blüten der hochstengligen Disteln und blicken die Berge verklärt in das Tal auf den Wanderer hinab. Üppig und wild wuchern die Almen in den tieferen Regionen des Tales, und nur ein dürftiger, stellenweise kaum erkennbarer Pfad führt an einem Seitenarm des Gebirgsflusses entlang zu einem versteckten Wasserfall, der sich kühl und rauschend vom Felsen in die Tiefe stürzt. Nein - einen Namen besitzt er nicht, er heißt nur Wasserfall.