Das Auto durchfährt, aus Bishkek kommend, das breite, fruchtbare Tal des Flusses Tschui in wenigen Stunden. Nie gesehene Felsformationen säumen die Boom-Schlucht; der wilde Gebirgsfluss Tschui brüllt, schäumt in den engen Klammen, springt einem entgegen wie ein hungriger Schneeleopard. Beharrlich schiebt er Geröll mit sich und vertieft jahraus jahrein sein wohl unbequemes Bett, das den hohen Gebirgsrücken durchbricht.
Immer höher geht es, immer näher kommt die Siedlung Balykschy. Dann endlich sieht man ein erstes bläuliches Schimmern in der Mittagssonne. Am Ende des Passes erstrahlt der Issyk-Kul, der "warme See", in einem unbeschreiblichen Türkis, umrahmt von schneebedeckten Bergen, und die Wolken liegen auf den Gipfeln wie Haufen von Schlagsahne, eine blaue Perle, eingefasst von Diamanten, ein unvergesslicher Anblick.
Das alles überstrahlende Blau des Sees leuchtet einem entgegen. Am Ende des Horizonts verschmilzt der leuchtend blaue Himmel mit dem Königsblau des Sees. Näher am Ufer wird der See heller, und dicht vor ihm ganz glasklar. Sogar vom Ufer aus erkennt man jedes Steinchen, sieht man jede Bewegung der Schwimmer im kristallklaren Wasser. Dieser Issyk-Kul ist ein einzigartiges, sagenumwobenes und heiliges Gebirgsmeer.
Fast 200 Kilometer lang und etwa 50 Kilometer breit füllt es eine riesige Senke aus, die bis zu 700 Meter tief ist. Obwohl in ihn zahlreiche Bäche und Flüsse fließen, die in den ihn umgebenen Bergen entspringen, er aber nirgends über einen Abfluss verfügt, läuft der Issyk-Kul nicht über. Ist es nicht phantastisch, dass sich, wie bei einem Ozean, Verdunstung und Zufluß die Waage halten? Und noch etwas Wundersamens gibt es über diesen See zu berichten: er friert niemals zu und beeinflusst, wie eine exorbitante Wärmflasche, entscheidend das Klima im nördlichen Tian Shan.
Die Kirgisen am Issyk-Kul erzählen zahlreiche Legenden und Märchen über den Ursprung des Sees. Einer Sage nach entstand er aus den bitteren Tränen eines traurigen Mädchens. Allein die Sagen und Manas über den See würden ein dickes Buch füllen. Besser ist es, man lässt sie sich von einem Einheimischen erzählen, mit all der Gestik und in dieser, für den Europäer so bizarren Sprache. Und wenn man genau hinhört, dann kann man diesem Zauber nicht entfliehen.