© Roland, der alte Cherusker 2003

 
 

   Sascha, unser Fahrer, wählte den Weg über den Akkyya-Pass nach Baetov. Die Straße sollte besser sein. Trockene, stark erodierte Bergformationen begleiteten uns. Am Pass in 2932 Meter Höhe riefen uns ein paar Hirten eine Einladung zu, Hochtal auf dem Weg nach Baetovsie würden ein Schaf schlachten. Wir wollten weiter. Nun boten sie an, ein Pferd zu schlachten. Wir lachten, schlugen die Einladung aus und folgten einem weiten Hochtal, eingefasst von irren Bergformationen. Baetov entpupp- te sich als langweiliges Nest, wir beschlossen daher, uns ein lauschiges Plätzchen am Naryn zu suchen. Hinter einer Brücke gelegen fanden wir dann auch ein lauschiges Plätzchen, mit klaren quellen und einem Badesee di-rekt in der Nähe. Wir bauten die Zelte auf, machten ein Feuer und fühlten uns wir Pfadfinder bei ihrem ersten Ausflug. Über uns breiteten sich die Sterne aus, wir aßen Suppe, tranken Bier und Wodka und später sangen wir kirgisische und deutsche Volkslieder.

Die Passstraße entpuppte sich als Schotterpiste mit Steigungen von zwölf und mehr Prozent. Tian Shan Fichten Pass zum Song-Kulschmiegten sich an die steilen Hänge der Berge. Blumenwiesen umsäumten unseren Weg, Murmeltiere verschwanden blitzartig beim Auftauchen unseres Fahrzeugs. Langsam aber sicher kämpften wir auf den Serpentinen den Pass empor. Bei 3.200 Metern hatten wir die Passhöhe erreicht. Dann bogen wir in die Hochebene des Sees ein. Beeindruckende Weite. Der Blick nach Norden ließ einen türkisfarbenen Diamanten aufblitzen - den Song-Kul. Schon wurden wir zu Tee und Kumys eingeladen. Lämmer umkreisten die Jurte, Zweijährige ritten auf Pferden, Djör Kurut trocknete einer Darre.

Lange suchten wir nach einem Lager, die letzten Kilometer wanderten wir am Ufer des Song-Kul entlang. Im Özbek-Tal erwartete uns ein Jurta und ein liebreizender Platz zum Zelten. Zuerst wurden wir vom Ak-Sakal Assam Kase und von Apa Rys mit Tee und Kumys begrüßt. Der nächste Morgen begann mit frischem Fisch. über dem Song-KulDanach beschlossen wir, einen kleinen Gipfel zu ersteigen. Rings um uns blühte die Alm in ihren letzten Zügen, weinrote Disteln, lustige Margeriten, ultramarin- blauer Enzian und immer wieder Edelweiß. Vom Karala-Tasch in 3500 Meter Höhe blickten wir ins Kök-Bulak Tal, wo unsere Gastgeber ihr Winterquartier haben. Wir entdeckten steinzeitliche Felszeichnungen, beob- achteten majestätische Adler und flinke Falken - sogar ein Wiesel. Wir fühlten uns unbeschreiblich geborgen, so stolz, so voller Ahnungen, dem Himmel so nah. Hier oben spürten wir die ewig innerliche Kraft der Natur, und jeder Nerv nahm sie begierig auf, sammelte sie ein wie ein duftendes Bergkraut, ein seltenes Gewürz, um diese Eindrücke zu bewahren, aufzuheben, einen Vorrat zu schaffen, damit sie später den faden Teil des Lebens einen guten Geschmack verleihen könnten.

 
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