Thermalbad und Adoption

   Der Höhepunkt des Tages war das Bad im 38 Grad warmen Thermalbecken. Es war prickelnd angenehm. Talant kam erst einige Zeit später, da er seine Familie noch abholen musste. Sie hatten alle ge-schlafen, da musste er erst noch einwenig mit ihnen kuscheln. Am meisten freuten sich die Kinder, Talant war außer Rand und Band und Sultan grinste über beide Backen. Später noch kam Juri mit sei-ner Familie vorbei. Auf einmal fing ein eisiger Regen an. Das machte das Erlebnis noch außergewöhnlicher. Während der Körper sich in wohliger Wärme befand, piekten auf das Haupt die Nadelstiche des eisigen Regens. Doch währte diese Episode nur kurz.

   Wir versorgten uns mit ausreichend Mineralwasser, fuhren die Wanderstöcke aus und begannen, die ersten, sanften Steigungen am Westhang des Tales empor zu stiefeln. Bald darauf wurde der Weg erheblich steiler und verlor sich irgendwo in den Almen. In Serpentinen kämpften wir uns durch kurzes bis kniehohes Gestrüpp nach oben. Schon nach wenigen Minuten wurden die Zungen trocken und wir röchelten wie ein Asthmatiker. Nach einhundertundfünfzig Höhenmetern gönnten sie sich die erste Wasserrast, nach dreihundert die zweite. Das war zehn Meter vor einem Zwischengipfel. Als wir das Plateau erreichten, flatterten uns ein paar Gebirgsfasane um die Ohren. Schwups, weg waren sie.


 Thermalquellen

   Thermalquellen gibt es im Tian Shan an vielen Orten. Von Lauwarm bis über 40 Grad sprudeln sie empor, manchmal stark schwefelhaltig, so dass sie arg riechen, oft aber auch mit anderen Mieralien versetzt. Es gibt viele Heilquellen. Oft sind in derten Nähe auch heilbäder angesiedelt. Viele von ihnen haben aber noch keinen internationalen Standard.

Die Wolken am Son-Kul scheinen so nah, dass man sie mit den Händen greifen möchte

   Endlich waren wir etwa fünfhundert Meter über Issyk-Ata. Wir erblickten auf der Ostseite des Tales zwei Gletscher, die noch höher waren, als der Berg am Ende des Tales. Sie hatten also das Licht so lange von uns ferngehalten am Morgen. Hier oben war es noch beschaulicher, noch sonniger noch schöner. Nur ganz gedämpft murmelte uns der Fluss sein Gebet aus dem Tal nach oben.

Nur fünf Minuten

   Plötzlich wurde es ernst in der Runde. Gulnara hatte schon in Issyk-Ata erwähnt, dass es Besch-Bar-Mak geben würde. Deshalb sollte ein Schaf geschlachtet werden. Wir wollten das nicht. Die Zeit würde einfach nicht ausreichen. Also wurde innerhalb der Familie diskutiert. Es war wie auf einer Friedensverhandlung. Erst schauten alle ernst drein, dann hatte jemand eine Idee, und die Gesichter erhellten sich. Talant sprach es dann als Verhandlungsführer aus. Gut, man würde das Schaf schlachten, es gibt kein Traditionsessen, nur etwas kurz Gebratenes. Immer noch Nein! Wieder begannen die Verhandlungspartner zu tuscheln und zu konferieren. Nächster Vorschlag. Schaf wird geschlachtet. Fleisch wird mit nach Hause genommen. Schlachten muss aber sein, da führte keine Weg vorbei, so gab man den beiden Gästen zu verstehen. Das sei eben eine Sache der Ehre - eben so Sitte - und das könnte nicht vermieden werden. Uns blieb keine Wahl, wir mussten zustimmen.

   Aus fünf Minuten wurden zwei Stunden. Wir mussten zugeben, dass frisch geschlachtetes Lamm wirklich köstlich schmeckt. Nach dem Essen bekamen die wir auch noch Geschenke. Gulnaras Mutter adoptierte uns beide als ältesten Sohn und älteste Schwiegertochter. Was gibt es für eine größere Ehre?

 Besch Bar Mak - fünf Finger

   Nachdem wir das Fleisch gegessen und zwischendurch immer wieder ein Glas Wodka getrunken hatten, wurde ein grosses Stück Fleisch in winzig kleine Fasern zerschnitten. Die Fleischschüssel wurde gegen eine Schüssel mit Nudeln ausgetauscht, das kleingeschnittene Fleisch und eine spezielle Sauce dazugegeben und vermischt. Diese Nudelspeise wurde dann aus Schalen mit den Fingern gegessen, nicht umsonst nennt man dieses Gericht Besch Bar Mak - fünf Finger.

 Buchtipp:
Bildband
Begegnungen in Kyrgyzstan
von Rajymbek
Eine Auswahl aus über 1000 Fotos von mehreren Reisen geben einen Eindruck vom Leben in Kyrgyzstan, von den Menschen, der Flora und Fauna und von den unbeschreiblichen Landschaften.

erschienen im Eigenverlag, zu beziehen bei Roland Pöllnitz

   Es war der letzte Tag in Bishkek. Nach einem gemütlichen Frühstück fuhren wir mit Talants Familie zum größten Basar in Bischkek. Unendlich schienen die Reihen mit Kleidern, Schuhen, Geschirr, Pelzwaren, Obst und Gemüse. Zuerst einmal kauften wir dem kleinen Tilek eine neue Schulmappe. Wir wollten dem Jungen eine Freude machen. Und der Kleine freute sich die Augen aus dem Kopf. Stolz trug er seine Mappe über den ganzen Markt, so als ob er sagen wollte: "Schaut doch alle einmal her, ich habe eine neue Schulmappe!" In diesem Augenblick erinnerte er uns noch mehr an den kleinen Jungen aus dem weißen Dampfer...

 
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