schneebedeckte Felspyramiden

   Es herrschte eine schummrige Atmosphäre in der Jurta. Ein Mädchen mit braunen Mandelaugen reichte uns Kumys und Tee, später Bratkartoffeln, dann frisch gefangenen und gebratenen Fisch. Der Ak-Sakal schimpfte mit einem seiner Söhne, der reumütig in der Ecke hockte. Alles wirkte so phantastisch: das flackernde Licht, die freundlich leuchtenden Augen, das kreischende Lachen der Menschen, die ungewohnt fremde Sprache.

   Die erste Anhöhe auf unserer Wanderung war eine sanfte mit Kräuter bewachsene Wiese, die in ein Hochmoor überging. Wir überquerten einen munteren Bach mit kristallklarem Wasser, dann mussten wir den steilen, geröllhaltigen Anstieg zum Sattel emporkraxeln. Der Weg zum Vorgipfel, das sind zwei kleinere Felspyramiden in 3700 Meter Höhe, zog sich am Grat entlang, links steil abfallend, nach Süden hin flacher. Der Anstieg zum eigentlichen Gipfel war mit riesigen Felsblöcken übersät. Wir er- richteten eine kleine Steinpyramide in 3862 Meter und betete ein "Om mani padme hum".

   Beinahe andächtig bestaunten wir den himmelblau blinkenden Son-Kul auf der einen Seite, der von hier oben wie ein riesiger Kratersee wirkte, und die fernen schneebedeckten Gipfel auf der anderen Seite.

 Kumys
   Kumys ist vergorene Stutenmilch; ein prickelnd-säuerliches, leicht alkoholisches Getränk mit hohem Gehalt an Eiweiss und Vitamin C. Die frische Milch wird in einen Holzbottich gegeben und ist bereits nach wenigen Stunden vergoren. Kühl gelagert, ist das Getränk über eine Woche haltbar.    Kumys wird wahre Wunderkräfte zugeschrieben: sagt doch der Volksmund "wer Kumys trinkt, wird hundert Jahre alt".
Die Wolken am Son-Kul scheinen so nah, dass man sie mit den Händen greifen möchte

   Lautlosigkeit, Einsamkeit, Freiheit, Frieden. Unsere Gedanken kreisten um die überwundenen Schwierigkeiten, die wundervollen Erlebnisse in diesen Bergen, in diesem Land, die einfachen, freundlichen, uneigennützigen und gastfreundlichen Menschen hier, meine Freunde und die Familie. Und wir wünschten uns, ewig hier oben zu sitzen, und dieses Gefühl nie zu verlieren.
Fremde Länder - fremde Tafelfreuden

   In Balykschy ging alles sehr schnell. Nach einem kurzen Gebet kniete sich mein Gastgeber über den Körper des Schafes, hielt mit der linken Hand dessen Kopf, und schlitzte mit der rechten die Kehle durch. Röcheln, Zucken. Blut spitzte in die bereitgestellte Schüssel. Nach wenigen Minuten war der Todeskampf beendet. Gekonnt zog er dem Tier das Fell ab, schlachtete es aus, während das Wasser schon in einem riesigen Kessel kochte.

   Zwei Stunden später war der Fussboden gedeckt. Als erstes gab es eine Schale Brühe, danach wurde mir aus der riesigen Schüssel das grösste Stück Fleisch gereicht. Auf einem zweiten Teller stellte der Gastgeber den Kopf des Schafes direkt vor meine Nase. Ich muss wirklich etwas dämlich dreingeschaut haben. Doch wurde mir erklärt, dass mir als Ehrengast die Aufgabe zu kam, den Kopf zu zerlegen. Die in kleine Streifen geschnittenen Stücke sollte ich dann in eine Schale Brühe geben. Nachdem ich als erster gekostet hatte, durfte ich die Schale an die Runde der An- wesenden weiter reichen.

 Besch Bar Mak - fünf Finger

   Nachdem wir das Fleisch gegessen und zwischendurch immer wieder ein Glas Wodka getrunken hatten, wurde ein grosses Stück Fleisch in winzig kleine Fasern zerschnitten. Die Fleischschüssel wurde gegen eine Schüssel mit Nudeln ausgetauscht, das kleingeschnittene Fleisch und eine spezielle Sauce dazugegeben und vermischt. Diese Nudelspeise wurde dann aus Schalen mit den Fingern gegessen, nicht umsonst nennt man dieses Gericht Besch Bar Mak - fünf Finger.

 Buchtipp:

OutdoorHandbuch
Von Alma- Ata zum Issyk- Kul
Trans-Alatau - jetzt online bestellen bei Amazon.devon Wolfgang Schmidt
Taschenbuch - 86 Seiten - Conrad Stein, Kiel
ISBN: 3893921338
Zentralasien ist ein noch weitgehend unbekanntes Gebiet für Europäer. Beschrieben wird der 142 km lange Höhenwanderweg des Nordtienschan vom Ausgangspunkt Alma-Ata in Kasachstan bis zu seinem Ziel, dem See Issyk-Kul in Kirgisien.

   Das Konzert in der Philharmonie gaben Syimyk Neyschekeev und seine Freunde. Ihre Musik ist sowohl melodie- als auch textbetont. Ohne Frage waren es gerade die Solovorträge auf dem Komus, die mich besonders faszinierten. Als der Künstler alle drei Saiten anschlug, bekam das Instrument einen orchestralen Charakter. Er ahmte das Gezwitscher der Vögel nach, spielte romantisch-melancholische Lieder bis hin zu kompliziertesten Kompositionen. Jedes Stück verfügte über eigene Bilder und spezielle Interpretationsgriffe, und es schien uns, dass er das Komus manipulierte, ohne das blitzschnelle Greifen der Saiten auch nur für einen Augenblick zu unterbrechen. Wir waren so ergriffen, dass wir in diesem Augenblick verstanden, dass unsere Reise nun zu Ende war.

 
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